Covid dürfte sich in die Reihe jener Atemwegserkrankungen einreihen, die die Menschen schon vor 2020 beschäftigt haben. Namhafte Virologinnen und Virologen wie Christian Drosten, Dorothee von Laer und Ulrich Elling bewerten die derzeitige Situation als Übergang zu einem endemischen Zustand. Auch die gesamtstaatliche Krisenkoordination Gecko hat vor Weihnachten das Ende der Pandemie diskutiert.

Das Virus wird freilich auch nach dem Ende der Pandemie immer wieder für Infektions- und Erkrankungswellen sorgen. Aufgrund der mittlerweile aufgebauten Immunität, der Impfung sowie auch dank antiviraler Medikamente ist der Akutverlauf in seinem Schweregrad einigermaßen beherrschbar geworden. Sollte er sich langfristig im Bereich der Grippe bewegen, ist das dennoch keine gute Nachricht. Denn vor 2020 hat Influenza in manchen Jahren allein für volle Spitäler gesorgt. Und sie erhält nun in Covid einen offenbar treuen Begleiter. Im Gecko-Protokoll heißt es nüchtern: "Auch wenn aktuell und künftig weniger Menschen durch Covid-19 sterben sollten, so wird letztendlich ein endemisches Covid-19 die weltweite Krankheitslast erhöhen." Und diese trifft auf erschöpfte Gesundheitssysteme.

Dabei geht es aber nicht nur um die akute Erkrankung, sondern auch um Long-Covid. Die Gecko-Fachleute befürchten, dass "massive Zahlen von Long-Covid-Patienten die Gesellschaften und Gesundheitssysteme beschäftigen werden". Wie stark sich dieser Effekt niederschlagen und die Volkswirtschaften beeinträchtigen wird, ist eine Frage, mit der sich Wissenschafter seit geraumer Zeit beschäftigen. Die Berechnungen gehen weit auseinander und sollten wohl als grobe Schätzungen und qualifizierte Überlegungen gedeutet werden.

Der Ökonom David Cutler der Harvard Universität ist zum Beispiel in seiner Analyse auf volkswirtschaftliche Kosten von 3,7 Billionen Dollar für die USA gekommen, wobei der Großteil dieser Summe auf einen Verlust der Lebensqualität mit seinen vielfältigen Konsequenzen entfällt. Für die Berechnung hat Cutler angenommen, dass zwischen 22 und 38 Prozent von ehemals Erkrankten zwölf Wochen nach der Infektion von zumindest einem Symptom geplagt werden. Es dürfte ein extremer Wert sein.

89.000 Krankenstände wegen Long-Covid

Zu viele Fragen Long-Covid betreffend sind für seriöse Berechnungen noch ungeklärt: Wie lange bestehen die Symptome und wie verändern sie sich? Ist das Risiko für Long-Covid bei wiederholter Infektion geringer? Oder höher? Wie häufig sind bleibende und schwerwiegende Symptome? Können wirksame Therapien gefunden werden? Die Liste der offenen Fragen ließe sich fast unbegrenzt weiterführen.

Der "Wiener Zeitung" liegen Daten der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) zu Krankenständen vor, die mit zwei für Long-Covid relevanten Diagnosecodes versehen wurden. Bis 9. Dezember registrierte die ÖGK 88.956 derartige Krankenstände, wobei 955 solcher Fälle noch als aktiv gemeldet waren.

Diese Zahlen lassen natürlich keine Aussage über die allgemeine Häufigkeit von Long-Covid zu. Sie geben aber einen kleinen Einblick über die unmittelbaren Folgen zur Arbeitsfähigkeit von rund vier Millionen unselbständig Beschäftigten. Das heißt, dass eine Reduktion der Arbeitszeit aufgrund von Long-Covid aber nicht enthalten ist. Außerdem ist die Diagnose schwierig, es kann daher zu Fehldiagnosen und unkorrekten Codierungen kommen.

Interessant ist aber der Vergleich mit den Daten vom 1. September. Zwischen diesen Datensätzen liegen mehr als eine Million offiziell gemeldete Fälle oder ein Anstieg von 23 Prozent der Gesamtinfektionen. Die Zahl der Long-Covid-Krankenstände ist in diesem Zeitraum aber nur um 5.236 Meldungen oder rund 6,2 Prozent gestiegen. Vor allem aber: Es gibt deutlich, nämlich um ein Viertel, weniger aktive Krankenstände als Anfang September.

Vielfältige Symptome, verschiedene Ursachen

Das korreliert auch mit Aussagen der Kardiologin Mariann Gyöngyösi von der internistischen Post-Covid-Ambulanz im Wiener AKH, die dem ORF-Wien berichtete, dass es seit Omikron signifikant weniger Fälle gibt. Es ist allerdings unsicher, ob dafür die Variante selbst verantwortlich ist. Der Begriff Long-Covid umfasst verschiedene Phänomene und Symptome, denen auch verschiedene Ursachen zur Grunde liegen. Organschädigungen, die Genesene noch lange beschäftigen können, sind durch die Immunität in der Bevölkerung tatsächlich seltener geworden.

Rund 70 Prozent jener rund 400 Personen, die bisher im AKH in Behandlung waren, sind übrigens Frauen mittleren Alters, berichtete Gyöngyösi, die vor allem Personen mit Herzproblemen behandelte. Im AKH ist aber auch eine zweite, neurologische Ambulanz für Long-Covid eingerichtet worden. Schwäche, Schwindel, Kopfschmerzen und extreme Müdigkeit gehören auch zu den gängigen Langzeit-Symptomen, da das Coronavirus - anders als Influenza - das zentrale Nervensystem angreifen kann.

Steiler Anstieg bei Langzeit-Krankenständen

Aus den Daten der ÖGK geht hervor, dass monatelange Krankenstände aufgrund von Long-Covid relativ selten sind. 926 Personen waren am 9. Dezember zumindest ein halbes Jahr krankgemeldet (400 davon noch aktiv). In 141 Fällen dauerte die Arbeitsunfähigkeit mehr als ein Jahr, wobei 47 Krankenstände im Dezember noch andauerten. Allerdings haben sich diese Dauerkrankenstände im Vergleich zu den September-Daten dynamischer entwickelt als die allgemeinen Infektionszahlen. So gibt es heute fast dreimal so viele Krankenstände, die mehr als 12 Monate dauerten, als noch Anfang September. In den dafür relevanten Zeiträumen hat es aber nicht dreimal so viele Infektionen gegeben. Sondern nur knapp 40 Prozent mehr.

Das zeigt, auch die Daten der ÖGK geben nur wenige Antworten, werfen aber weitere Fragen auf. Unter anderem: Was passiert nach diesen Krankenständen? Wie oft muss die Arbeitszeit reduziert werden? Wer ist wie stark betroffen? Wie viele arbeiten trotz unangenehmer Symptome? Gecko schreibt: "Long-Covid wird das allgemeine Wohlbefinden und die Fähigkeit, den Lebensunterhalt zu verdienen, beeinträchtigen und die Gesundheitskosten in die Höhe treiben."