Versucht man sich vorzustellen, wie die Schule der Zukunft aussehen könnte, dann taucht vielleicht ein architektonisch innovatives Gebäude mit riesigen Glasflächen und modernster Ausstattung vor dem geistigen Auge auf. Statt einzelner Klassenzimmer ein großer Raum mit flexibel teilbaren Lernflächen. Kinder und Jugendliche, die in kleinen Gruppen forschen, lernen und experimentieren.

Es wäre eine Schule, in der Frontalunterricht und 50-Minuten-Einheiten von innovativeren Unterrichtskonzepten abgelöst worden sind, und in der auch die Raumkonzepte entsprechend kreativ sind. Der Unterricht fände vielleicht ganztags statt. Die Schule wäre damit ein Lebensraum, nicht Lernraum. Ein wesentliches Element dieser Lebensräume wäre, so viel kann mit Sicherheit gesagt werden, die Einbindung moderner Informationstechnologien in den Schulalltag. Noch ist diese Schule von morgen weitgehend Utopie. Aber es gibt Ansätze, sie zu realisieren.

Quereinsteiger und -einsteigerinnen willkommen

"Die Digitalisierung wirkt sich auf alle Lebensbereiche und natürlich auch auf die Schule aus", sagt Martina Mikovits, Direktorin des Schulzentrums HTL HAK Ungargasse in Wien-Landstraße. Und das hat Folgen: "Neuerungen in den Lehrplänen einerseits und neue Computerprogramme, die gleichzeitig unterrichtet und angewandt werden, andererseits." Dies habe wiederum Auswirkungen auf Methodik und Didaktik. Die Unterrichtsinhalte verändern sich, aber auch ihre Vermittlung.

Doch Digitalsierung ist noch mehr: "Die Begleiterscheinungen der Digitalisierung" brächten Herausforderungen mit sich, so Mikovits, etwa im Umgang mit sozialen Medien. Lehrende werden laut Mikovits damit zunehmend nicht nur als Fachexpertinnen und -experten gesehen, von ihnen werde darüber hinaus "eine schulische Auseinandersetzung mit den Auswirkungen verschiedenster tagesaktueller Themen gefordert". Lehrkräfte müssten zudem auf die rascher wechselnden Anforderungen der Berufswelt reagieren und "am Puls der Zeit bleiben". Und auch die Berufsverläufe von Lehrerinnen und Lehrern würden sich zunehmend divers gestalten. So sei zum Beispiel der Arbeitsplatzwechsel zwischen Bundesländern, in andere Länder oder in ganz andere Fachbereiche immer häufiger zu beobachten.

Lehrkräfte als "Hauptressource"

"Gut ausgebildete Lehrkräfte sind die Hauptressource", sagt Mikovits, um in Sachen Digitalisierung, aber auch bei anderen zukunftsrelevanten Themen wie etwa der zunehmenden Bedeutung der MINT-Fächer – also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – mithalten zu können. Dennoch seien auch weitere Ressourcen notwendig: "Eine budgetäre Bedeckung der notwendigen technischen Anschaffungen und der damit verbundenen Folgekosten – auch personeller Natur".

Ein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang – Stichwort: der immer wieder angekündigte mögliche Lehrermangel – sind Quereinsteigende in den Lehrberuf. "Eine absolute Notwendigkeit für das berufsbildende Schulwesen", sagt Mikovits.

Vor allem in HTLs und Handelsakademien habe es immer schon Quereinsteiger gegeben. Hier sei die Politik gefordert, attraktive Rahmenbedingungen für deren Einstieg und eine effiziente pädagogische Ausbildung zu schaffen.

Auch Peter Schipek sieht Lehrerinnen und Lehrer mit Blick auf die Digitalisierung in der "entscheidenden Rolle". Der Sozialpädagoge ist Gründer von "Lernwelt" und Mitbegründer von "Schule im Aufbruch Österreich", zwei Bildungsinitiativen, die sich mit der Entfaltung von Potentialen und Talenten von Kindern und Jugendlichen beschäftigen. Es nutze wenig, die Klassenzimmer mit der neuesten Technik auszustatten, wenn die Lehrkräfte dafür nicht qualifiziert sind, so Schipek. Zudem müsse auch ganz grundlegend geklärt werden, "in welchen Entwicklungsphasen, in welchem Ausmaß, in welcher Weise und für welche Lernziele" digitale Medien eingesetzt werden sollen.

"Der Lehrberuf ist ein Beziehungsberuf"

Doch egal wie die Schule der Zukunft technisch ausgestattet, egal wie sie architektonisch gestaltet sein wird – einige Fragen werden immer aktuell sein: Was braucht es, damit Kinder ihre Neugier, ihre Begeisterungsfähigkeit und die Lust am Lernen nicht verlieren? Wie können Lehrkräfte Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen, ihre Interessen und Leidenschaften zu bewahren und weiter auszubauen?

Zuallererst sei es notwendig, die Potenziale der Kinder und Jugendlichen überhaupt "entdecken zu wollen", ist Schipek überzeugt. Bildung werde in unserer Gesellschaft vor allem unter dem Aspekt der ökonomischen Verwertbarkeit gesehen – "nicht gerade das ideale Umfeld zur Entfaltung von Potenzialen".

Der Sozialpädagoge plädiert dafür, Neugierde und Entdeckerlust zuzulassen. Was das konkret für die Schule bedeutet: Sie müsse durch sinnvolle Ganztagsbetreuung, durch Projekte, Sportangebote und kreative Förderung das Interesse der Kinder und Jugendlichen wecken und ihnen zu Erfolgserlebnissen verhelfen. "Ein Kind, das stolz ist, weil es einen Tonkrug selbst getöpfert hat oder erlebt, wie toll die eigene Stimme beim Singen klingt, wird die Freude am eigenen Tun höher bewerten als das passive Konsumieren von Fernseh- oder Internetangeboten."

Kenntnisse in Psychologie und Beziehungsgestaltung hält Schipek für wesentlich – denn: "Der Lehrberuf ist ein Beziehungsberuf."

Damit Kinder und Jugendliche ihren Interessen und Leidenschaften nachgehen können, brauche es zudem "mehr Lehrkräfte, die mit Leidenschaft junge Menschen unterrichten, die nicht nur in ihren jeweiligen Fächern gut ausgebildet, sondern im wahrsten Sinne gute Pädagogen sind". Schulen seien "einigermaßen erfolgreich darin, Kulturtechniken zu vermitteln und einen gemeinsamen Bildungshorizont zu etablieren", so Schipek. Er sieht allerdings ein großes Defizit: "Sie fokussieren weitgehend auf kognitive Kompetenzen und vernachlässigen soziale, ästhetische, gestalterische und handwerkliche. Das, was im humanistischen Bildungsverständnis im Mittelpunkt steht, nämlich die Fähigkeit, das eigene Leben zu gestalten und Freude am Leben zu haben, sollte in der Bildungspraxis in Kindergärten und Schulen eine zentrale Rolle spielen."

Um die Stärken und Interessen der Schülerinnen und Schüler besser zu fördern, würde Schulleiterin Mikovits gerne ein Fünftel der Lehrpläne flexibel gestaltbar machen.

Neben einer gefestigten Persönlichkeit und einer soliden pädagogischen Grundausbildung sollten Lehrerinnen und Lehrer unbedingt "Freude an der Arbeit mit jungen Menschen" mitbringen. Berufsbegleitende Weiterbildungsmöglichkeiten seien außerdem wesentlich. Weil sich die Herausforderungen an den Schulen ändern, ändern sich auch die Anforderungen an die Lehrenden: Die Klassen würden heterogener und die Erwartungshaltung, "dass Lehrkräfte mit allen Problemen, die Jugendliche in die Schule mitbringen, professionell umgehen können", größer. Auch Mikovits ist der Ansicht, dass Lehrende zunehmend soziale Kompetenz und Konfliktlösungskompetenz brauchen.

Schule: Eine Einrichtung des Bildens und Bewertens

Gerade mit Blick auf die "Fridays for Future"-Demonstrationen taucht immer wieder die Frage auf, wie sehr es Aufgabe der Schule ist, politisches Engagement zu unterstützen. Diskutiert wird dabei oft weniger das Thema Klimaschutz als das Fernbleiben der Schülerinnen und Schüler vom Unterricht im Zuge der Demonstrationen. Die Teilnahme am politischen Prozess, gerade wenn dieser die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen so sehr betrifft wie Klimaschutz, ist eng mit politischer Bildung verbunden – jenem Unterricht also, der Schülerinnen und Schüler darin unterstützen soll, Urteilsvermögen und Empathie zu entwickeln.

Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster ist überzeugt, dass es auch Aufgabe der Schule ist, dazu beizutragen, dass Kinder und Jugendliche zu selbstbewussten, empathischen, sozial kompetenten Menschen werden – "immerhin verbringen Kinder einen großen Teil ihrer Kindheit in der Schule". Persönlichkeitsbildung sei aber nur über eine funktionierende Beziehungskultur möglich, so der Kinderarzt und Autor, dessen aktuelles Buch "Erziehung prägt Gesinnung" sich mit dem Zusammenhang zwischen Erziehung und dem weltweiten Rechtsruck auseinandersetzt. Nur in einem förderlichen Umfeld bekämen Kinder "gute Antworten auf die wichtigsten Fragen ihrer Entwicklung". Diese seien etwa: "Bin ich hier sicher? Bin ich anerkannt? Gehöre ich dazu?"

Wie sieht die ideale Schule aus?

Das gelinge aber nicht immer, so Renz-Polster: "Und das liegt am doppelten Boden, auf dem Schulen stehen." Denn einerseits seien Schulen Bildungseinrichtungen, andererseits aber auch "Einrichtungen, in denen Kinder auf Schritt und Tritt benotet, bewertet und auch aussortiert werden". Und diese "Selektionsfunktion" komme dem Bildungsauftrag "hartnäckig in die Quere". Die Bildungsforschung zeichent laut Renz-Polster ein klares Bild: Mit guten Noten und besseren Schulen würden vorzugsweise jene Kinder ausgezeichnet, die "bereits vom Leben ausgezeichnet sind: mit dem richtigen Elternhaus und den hauptfächertauglichen Talenten".

Die anderen bekämen in der Schule eher Abwertungen. Und genau das passe nicht mehr zu den gesellschaftlichen Herausforderungen. Denn gerade jene Kinder, "bei denen es zu Hause nicht so gut läuft", bräuchten in der Schule die Gelegenheit, "nachzureifen und Kraft zu sammeln".

Wie die Schule der Zukunft aussehen wird, ist kaum vorhersehbar. Denn die Gesellschaft verändert sich, nicht zuletzt durch die Digitalisierung, rasant – und mit ihr die Schule. Über kaum ein anderes Thema wird so viel diskutiert wie über Bildungswesen und Schulsystem. Und bei kaum einem anderen Thema prallen unterschiedliche Vorstellungen seit Jahrzehnten derart heftig aneinander. Je nach politischer Mehrheit werden Reformen geplant und umgesetzt – nur um von der nachfolgenden politischen Mehrheit wieder verworfen zu werden.

Die ideale Schule hat laut Schulleiterin Mikovits jedenfalls einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft und erhält entsprechende Unterstützung von allen Beteiligten und Verantwortlichen, "um Schule als positiven Lernort gestalten zu können".

Für den Sozialpädagogen Schipek ist die Qualität des Bildungssystems nicht zuletzt abhängig von der "Fähigkeit und Bereitschaft, gesellschaftliche Veränderungen und neue Entwicklungen aufzugreifen und mitzugestalten". Ob das heutige Bildungssystem da mithalten kann? Schipek sieht das eher skeptisch: "Einzelne Schulen und engagierte Lehrerinnen und Lehrer sicher – das System eher nicht." So seien etwa 50-Minuten-Einheiten schon lange nicht mehr zeitgemäß. Ideal ware selbstbestimmtes und projektbasiertes Lernen, bei dem die Schülerinnen und Schüler verschiedene Aspekte eines Themas erarbeiten und so "die Wirksamkeit ihrer Arbeit erleben".

Das stärke auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten – "wertschätzende Leistungsrückmeldung der Lehrerinnen und Lehrer" vorausgesetzt.Schipek plädiert zudem für eine Öffnung der Schule für Akteurinnen und Akteure "von außen". Sinnvoll seien zum Beispiel "Expertentage", bei denen Schulen mit Physikern oder Handwerkern zusammenarbeiten. Der Sozialpädagoge schlägt vor, auch Lernräume außerhalb der Schule einzubeziehen – wobei die Schülerinnen und Schüler dabei nicht die einzigen Lernenden sein müssen. Sie könnten etwa als Sprachbotschafter an andere Schulen entsandt werden oder Leseprojekte in Altenheimen durchführen. "Lernen durch Engagement" nennt Schipek das. In einer idealen Schule würde zudem den Kindern und Jugendlichen immer wieder das Angebot gemacht, "ihre spezifischen Potenziale zu fördern, die eigenen Fähigkeiten zur vollen Entfaltung zu bringen und dies dann auch als erfülltes Leben wahrzunehmen".Egal, ob es um Herausforderungen durch die Digitalisierung oder andere zukunftsrelevante Themen geht: "Die Ressourcen müssen da sein und die Grundlagen funktionieren", sagt Kinderarzt Renz-Polster. Und diese seien immer abhängig von "den alten Zutaten: den gelingenden, ermutigenden, kompetenten Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden"