"Wiener Zeitung": Von Beginn des 20. Jahrhunderts an stieg der Intelligenzquotient in allen westlich-industrialisierten Staaten kontinuierlich an. Seit gut zwanzig Jahren jedoch hat sich dieser Trend quer durch alle Länder umgedreht. Haben Sie eine Erklärung für das Absinken des Intelligenzquotienten?

Heinz Faßmann: Nein, nicht wirklich. Ich würde vermuten, dass sich die Tests selbst verändert haben, sprich trennschärfer geworden sind, weil sich womöglich zu viele gezielt auf diese Art der Tests eingestellt haben.

Die dahinterstehende Grundaussage, dass nämlich unsere Intelligenz nach langem Anstieg jetzt abnimmt, teilen Sie nicht?

Davon gehe ich eigentlich nicht aus. Man müsste hier wohl genauer definieren, was mit dem Begriff Intelligenz genau gemeint und gemessen wird. Im Unterschied zu Wissen geht es hier ja auch um kombinatorisches und logisches Denken verbunden mit Auffassungsgabe und ich habe keine gute Erklärung, warum das abnehmen sollte. Ich würde eher das Gegenteil erwarten.

Die Regierung hat eine große Digitalisierungsoffensive quer über alle Bereiche ausgerufen, Sie selbst arbeiten an einem solchen Schwerpunkt für die Schulen. Was genau haben Sie hier vor?

Wir haben jetzt tatsächlich einen umfassenden Plan.

Dann kann ja nichts mehr schiefgehen.

Sagen Sie das nicht. Denn etwas, das immer schiefgehen kann, ist die Finanzierung. Wir wissen aber jetzt, wie wir das Projekt der Digitalisierung für die Schulen genau angehen und welche Schwerpunktbereiche wir setzen. Wir benötigen, erstens, eine Intensivierung der Lehrerfort- und -weiterbildung, damit die Lehrer und Lehrerinnen den neuen Schwerpunkt umsetzen und die Möglichkeiten der digitalen Welt in ihrem Unterricht anwenden können. Im Bereich Software brauchen wir, zweitens, eine Weiterentwicklung in Richtung digitale Schule, etwa für ein elektronisches Klassenbuch und ein ebensolches Mitteilungsheft. Für den Unterricht selbst geht es darum, die richtige Lehr- und Lernsoftware zu bestimmen und einzusetzen. Und, drittens, müssen wir sicherstellen, dass die Schulen über die notwendige Hardware verfügen. Das betrifft zum einen den Anschluss der Schulen an ein leistungsstarkes Internet, im alpinen und ländlichen Raum gar nicht so einfach, und zum anderen die teure Frage, wie die Schülerinnen und Schüler an die notwendigen Endgeräte kommen.

Sie haben die noch ungesicherte Finanzierung angesprochen. Von welchen Beträgen reden wir hier?

Es geht um einen mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Betrag, den wir jährlich investieren wollen und müssen. Wenn wir unser Bildungssystem auf die Chancen und Herausforderungen des digitalen Zeitalters ausrichten wollen, führt daran kein Weg vorbei.

Wann soll diese Digitalisierung der Klassen über alle Schultypen hinweg abgeschlossen sein?

Wir setzen das schrittweise um, anders wäre es auch gar nicht möglich, und konzentrieren uns zunächst auf die Sekundarstufe 1. Es geht auch darum, eine gewisse Balance zu finden, deshalb setzen wir in der Volksschule bewusst noch auf eine traditionelle Form der Wissensvermittlung und die Stärkung sozialer, didaktischer und motorischer Kompetenzen der Kinder, wir schieben – wenn Sie so wollen – nicht gleich alles auf die digitalen Fähigkeiten. 2022, also am Ende dieser Legislaturperiode, wollen wir die Digitalisierung der Sekundarstufe 1 abgeschlossen haben.

Wie wird sich durch diesen Prozess die Rolle und die Stellung des Lehrers, der Lehrerin im Klassenzimmer verändern, die in den letzten Jahrzehnten einen rasanten Wandel durchlebte? Was ist Ihr politisches Leitbild für die Rolle der Lehrenden?

Die Rolle der Lehrer und Lehrerinnen hat sich gleich doppelt verändert: Früher waren sie viel stärker als heute Autoritäten und Respektpersonen für die Schülerinnen und Schüler, das hat sich längst in Richtung Partnerschaftlichkeit verschoben. Und dann ist die Breite der Wissens- und Kompetenzvermittlung zu beachten. Der klassische Fachlehrer, der früher ausschließlich etwa Mathematik unterrichtete, tut dies zwar weiter, aber heute kommt noch die soziale und pädagogische Betreuung hinzu. Außer der Vermittlung von Fachwissen müssen Lehrerinnen und Lehrer verstärkt einen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung ihrer Schülerinnen und Schüler leisten.

Das ist in der Theorie leicht gesagt, lässt sich aber im Schulalltag oft schwer umsetzen; an Brennpunktschulen, wo gesellschaftliche Konflikte nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit Migration besonders deutlich zutage treten, zeigt sich, dass das Schulsystem mit diesen Anforderungen überfordert wird und die Lehrer mit den Problemen alleingelassen werden.

Diese Gefahr sehe ich. Wir tragen sehr viel an die Schulen heran und betrachten diese mitunter als Reparaturinstanz für sämtliche Probleme einer Gesellschaft. Das ist eine Überforderung und die müssen wir auch abwehren. Wenn heute alle möglichen Fragen von Gewalt bis zu politischem oder religiösem Extremismus an die Schulen delegiert werden, dann müssen verantwortungsvolle Kolleginnen und Kollegen manchmal eben deutlich sagen: "Das können wir nicht leisten".

Apropos Überforderung: Es gibt die Befürchtung, dass die Verwendung digitaler Endgeräte im Unterricht die Konzentration der Schüler massiv beeinträchtigt. Einem Lehrenden aufmerksam zuzuhören und Aufgaben eigenständig sowie ohne technische Hilfsmittel zu bewältigen, stärke dagegen die kognitiven Fähigkeiten.

Die Herausforderung ist immer, ein Gleichgewicht zu halten, in diesem Fall zwischen einem Digitalisierungshype auf der einen und einer Verweigerungshaltung gegenüber den neuen technischen Möglichkeiten auf der anderen Seite. Deshalb halten wir die Digitalisierung auch weitgehend aus den Volksschulen heraus. Auch in der Sekundarstufe geht es darum, digitale Ruhephasen einzuhalten und nicht ständig mit dem Smartphone zu hantieren. Diese Balance gilt es auch im Leben nach der Schule zu suchen und zu finden.

Die Probleme unserer Zeit prägen die Debatte um neue Schwerpunkte und Pflichtfächer, etwa wenn es um politische Bildung, Ethik oder Umwelt- und Klimaschutz geht. Welche Schwerpunkte soll der künftige Fächerkanon aufweisen?

Ich verfolge diese Debatte, welche neuen Fächer die Schule übernehmen soll, natürlich genau, und ich habe dazu einen klaren Standpunkt. Auch hier gilt: Wir dürfen die Institution Schule nicht überfordern und ihr nicht die Verantwortung für alles und jeden zuschieben. Der Fächerkanon wird sich deshalb nicht wesentlich verändern, ich wüsste auch gar nicht, warum er es tun sollte. Es ist eine kurzfristige Argumentation zu behaupten, Nachhaltigkeit sei wichtiger als Biologie und Umweltkunde, hier geht es doch nur um einen anderen Namen für ein bereits bestehendes Fach. Deshalb bleiben die Fächer weitgehend erhalten, über die Inhalte müssen wir allerdings reden. Um beim Beispiel Biologie und Umweltkunde zu bleiben: Sollen wir weiter so intensiv die Kontinentalverschiebung behandeln oder ist es nicht angebracht, mehr über nachhaltige Kreislaufwirtschaft zu lernen? Die Inhalte kritisch zu reflektieren, ist mir wichtig, eine Debatte über Fächer und Fächernamen erachte ich dagegen für fruchtlos. Dennoch wird es auch beim Fächerkanon kleinere Änderungen geben.

Welche neuen Pflichtfächer sollen kommen?

Bei politischer Bildung und Ethik habe ich mich ja bereits festgelegt, ersteres soll im Fächerkanon "Geschichte, Sozialkunde und politische Bildung" eine noch tragendere Rolle spielen. Ab dem Schuljahr 2020/21 wird darüber hinaus Ethik an AHS-Oberstufen und an Polytechnischen Schulen zum Pflichtfach, ein Jahr später starten wir dann an den BHS. Aber nur für jene Schülerinnen und Schüler, die keinen Religionsunterricht besuchen. Digitale Grundbildung haben wir derzeit als verpflichtende Übung. Die Überlegung, ob es noch weiter ausgebaut wird, ist Teil des Masterplans. Das ist es fürs Erste mit den Änderungen in diesem Bereich.

Neben der Angst vor einer Überforderung der Schulen gibt es auch die Sorge, dass die Schule allzu prägend wirken könnte, etwa in weltanschaulichen, politischen Fragen. Wie wollen Sie sicherstellen, dass im Unterricht nicht partei-politisiert wird, zumal sich Fächer wie politische Bildung oder Klimaschutz und Nachhaltigkeit dazu durchaus anbieten?

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Ich glaube fest an den sogenannten Beutelsbacher Konsens, der folgendes besagt: Wir brauchen, erstens, ein Indoktrinationsverbot; Lehrer müssen das ethische Bewusstsein haben, in die Klasse zu gehen und ihre Schüler dort nicht in eine bestimmte Richtung zu manipulieren; zweitens, konträre, konfliktäre Meinungen sollen sich auch im Unterricht widerspiegeln; drittens, sollen wir unsere Schülerinnen und Schüler zu kritikfähigen jungen Menschen erziehen, so dass sie selbst aus diesen konfliktären Bereichen ihre eigene Meinung bilden können. Das werde ich nicht nur immer wieder sagen, sondern auch von allen Lehrerinnen und Lehrern einfordern.

Das ist natürlich ein hehrer akademischer Anspruch, aber bei Konflikten um Migration, Verteilung oder Umwelt geht es um einander widersprechende Moralvorstellungen. Solche Konflikte lassen sich nur schwer neutral vermitteln. Wie wollen Sie also politische Neutralität sicherstellen?

Indem die Lehrer, die sich mit diesen Fragen beschäftigen, schon in ihrer Ausbildung mit diesem Problem konfrontiert und entsprechend geschult werden. Lehrerinnen und Lehrer können ruhig auch ihre eigene Meinung deutlich machen, aber sie müssen das klar ausweisen und dürfen nicht indoktrinieren. Und natürlich muss auch die Aufsichtsbehörde ein Auge darauf haben. Ich bin zuversichtlich, dass dies gelingt.

Wo steht die angekündigte Überarbeitung der Lehrpläne?

Das ist ein großes Projekt und wir sind immer noch in der fortgeschrittenen Anfangsphase, also bei der Konzeption dessen, wie wir diesen Prozess konkret angehen werden. Die inhaltlichen Aspekte habe ich ja bereits im Zusammenhang mit dem Fächerkanon angedeutet: Die Fächer und deren Bezeichnungen bleiben im Wesentlichen, aber die Inhalte müssen wir weiterentwickeln. Lehrpläne sind meistens dicht bepackt und deshalb müssen wir sie entschlacken. Es geht auch um die Festlegung gewisser Mindeststandards. Und der Prozess sollte auch verbindend sein mit einer Art von Bewertungsraster, sodass wir bei der Notengebung auch zu einer Notenwahrheit kommen. Wir stehen also vor einer überaus komplexen Aufgabe.

Wann möchten Sie damit fertig sein?

Auch hier gehen wir schrittweise vor, abschließen möchten wir das Projekt zum Ende der Legislaturperiode, also 2022.