Rechtfertigt das Thema die Mittel?

"Natürlich", sagt Elternvertreterin Rosenberger, "ist Klimaschutz eine ganz wichtige Sache. Aber dann kommt die nächste wichtige Sache, für die man am Mittwochnachmittag auf die Straße geht. Und irgendwann demonstriert man gegen Brillenträger." Vorwürfen der mangelhaften Prioritätensetzung und Differenzierung gegenüber den Klimaprotestierenden lässt sich ihr gesamtgesellschaftlicher Ansatz entgegenhalten. "Das Konzept der Klimagerechtigkeit", sagt Politikwissenschaftlerin Pichler, "stellt klar, dass Klimawandel nicht allein die ökologische, sondern auch die soziale Frage aufwirft." Es gehe um Verantwortung. "Österreich etwa hat wesentlich mehr zum Klimawandel beigetragen als der Senegal, paradoxerweise sind die Folgen im Senegal stärker spürbar. Innerhalb Österreichs verursachen Menschen mit größerem Einkommen höhere CO2-Emissionen als ärmere Menschen. Gleichzeitig können sie sich besser gegen die Folgen wie Temperaturanstiege und Luftverunreinigung schützen. Das ist nicht gerecht."

Idealismus, Naivität und Übertreibung lauten die traditionellen Vorwürfe der Erwachsenengeneration an die nachkommende rebellische Jugend. Um die Forderungen der Klimastreikenden und deren Dringlichkeit zu unterstützen, unterschrieben 26.800 Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz die Stellungnahme der Bewegung Scientists for Future. Darin heißt es unter Verweis auf 24 einschlägige wissenschaftliche Erkenntnisse und 71 aktuelle Quellen: "Die Anliegen der demonstrierenden jungen Menschen sind berechtigt und gut begründet. Die derzeitigen Maßnahmen zum Klima-, Arten-, Wald-, Meeres- und Bodenschutz reichen bei weitem nicht aus."
Katharina Rogenhofer, Initiatorin der Fridays for Future Austria, hat selbst Biodiversity, Conservation and Management in Oxford studiert. "Es geht uns nicht darum, dem Einzelnen ein schlechtes Gewissen zu machen", sagt sie. "Individuelle Verhaltensweisen können nicht für die Zerstörung oder Rettung des Klimas verantwortlich gemacht werden. Durch gesetzliche Rahmenbedingungen muss klimaschädliches Handeln schwerer, und klimafreundliches Handeln viel leichter gemacht werden."

Wer demonstriert, will nichts lernen?

Der Unterricht darf nicht gegen gesellschaftliches Engagement ausgespielt werden", schrieb Martin Netzer, Sprecher des Bildungsministeriums, im März. Als Gegenmodell zu institutionalisierten Lehrplänen begleiten die Angebote des sogenannten "streikenden Klassenzimmers", Vorträge von Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des Climate Change Center Austria (CCCA), seit Wochen die Proteste. "Bildung findet nicht nur in der Schule statt", sagt Pichler. "Wenn sich Menschen von sich aus mit Themen beschäftigen, die sie als relevant empfinden, lernen sie dabei auch etwas fürs Leben."