"Natürlich", sagt Elisabeth Rosenberger immer wieder. Natürlich sei es wichtig und richtig, dass sich Schüler engagierten. Was der Bundesvorsitzenden des Verbands der Elternvereine an höheren und mittleren Schulen hingegen ein Rätsel bleibt: "Ist Samstagvormittag nicht ein genauso guter Zeitpunkt, um für den Klimaschutz zu demonstrieren?" Zu einer Stellungnahme zum Thema hat sich bislang weder der Bundesverband noch eine regionale Sektion durchringen können. "Es gab im März eine Aussendung des Bildungsministeriums, und mehr ist dazu nicht zu sagen", erklärt Rosenberger.

"Beim Fernbleiben vom Unterricht zum Zwecke der Teilnahme an einer Schülerdemonstration", so heißt es in der Aussendung, handele es sich im Sinne des Schulunterrichtsgesetzes und des Schulpflichtgesetzes "um keine gerechtfertigte Verhinderung". Da Bildung in Österreich allerdings Ländersache ist, meldeten sich außerdem die neun Bildungsdirektionen zu Wort. Niederösterreich, Salzburg, Vorarlberg und Wien schlossen sich der Entscheidung des Bildungsministeriums an; Burgenland, Kärnten, Oberösterreich, Steiermark und Tirol verwiesen hingegen auf die Schulautonomie. "Dass es die Schulen auch in Wien so unterschiedlich handhaben, macht es für uns nicht leichter", sagt Rosenberger. Einigen Schülern würden Fehlstunden angerechnet, während etliche Lehrer die Großdemonstration am 15. März, dem ausgerufenen Weltklimastreik, mitsamt ihren Klassen im Zuge einer bewilligten Exkursion besucht hätten.

Soll es ein Streikrecht für alle geben?

Melanie Pichler, Politikwissenschaftlerin an der BOKU Wien, hält die Diskussion um Schulfehlzeiten angesichts der inhaltlichen Forderungen der Demonstrierenden für absurd. "Die erste Frage sollte nicht sein, ob es legitim ist, der Schule fernzubleiben, sondern ob das Anliegen der Protestbewegung ein legitimes ist", sagt sie. "Darüber hinaus ist ein Streik nur dann effektiv, wenn er Regelmäßigkeiten außer Kraft setzt. Arbeiter streiken in ihrer Arbeitszeit, also müssen Schüler während der Schulzeit streiken. Sonst reden wir von einer Freizeitbeschäftigung."

Streiks als Mittel des Arbeitskampfes bedient man sich in Österreich im internationalen Vergleich relativ selten. Organisiert werden kollektive Arbeitsverweigerungen im Regelfall von sozialdemokratisch dominierten, also politisch links vermuteten Gewerkschaften. Für die Klimastreiks stellt Pichler klar: "Die Bewegung richtet sich gegen alle Regierungen, ob rechts oder links, die untätig geblieben sind. Der Appell ist: ,Ihr habt in Paris 2015 ein Klimaabkommen unterschrieben und euch dazu verpflichtet, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Also handelt danach.’" Dass die Notwendigkeit des Klimaschutzes längst auch in konservativeren Kreisen angekommen sei, bedingten unter anderem Dürreereignisse und Ernteeinbußen.

Rechtfertigt das Thema die Mittel?

"Natürlich", sagt Elternvertreterin Rosenberger, "ist Klimaschutz eine ganz wichtige Sache. Aber dann kommt die nächste wichtige Sache, für die man am Mittwochnachmittag auf die Straße geht. Und irgendwann demonstriert man gegen Brillenträger." Vorwürfen der mangelhaften Prioritätensetzung und Differenzierung gegenüber den Klimaprotestierenden lässt sich ihr gesamtgesellschaftlicher Ansatz entgegenhalten. "Das Konzept der Klimagerechtigkeit", sagt Politikwissenschaftlerin Pichler, "stellt klar, dass Klimawandel nicht allein die ökologische, sondern auch die soziale Frage aufwirft." Es gehe um Verantwortung. "Österreich etwa hat wesentlich mehr zum Klimawandel beigetragen als der Senegal, paradoxerweise sind die Folgen im Senegal stärker spürbar. Innerhalb Österreichs verursachen Menschen mit größerem Einkommen höhere CO2-Emissionen als ärmere Menschen. Gleichzeitig können sie sich besser gegen die Folgen wie Temperaturanstiege und Luftverunreinigung schützen. Das ist nicht gerecht."

Idealismus, Naivität und Übertreibung lauten die traditionellen Vorwürfe der Erwachsenengeneration an die nachkommende rebellische Jugend. Um die Forderungen der Klimastreikenden und deren Dringlichkeit zu unterstützen, unterschrieben 26.800 Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz die Stellungnahme der Bewegung Scientists for Future. Darin heißt es unter Verweis auf 24 einschlägige wissenschaftliche Erkenntnisse und 71 aktuelle Quellen: "Die Anliegen der demonstrierenden jungen Menschen sind berechtigt und gut begründet. Die derzeitigen Maßnahmen zum Klima-, Arten-, Wald-, Meeres- und Bodenschutz reichen bei weitem nicht aus."
Katharina Rogenhofer, Initiatorin der Fridays for Future Austria, hat selbst Biodiversity, Conservation and Management in Oxford studiert. "Es geht uns nicht darum, dem Einzelnen ein schlechtes Gewissen zu machen", sagt sie. "Individuelle Verhaltensweisen können nicht für die Zerstörung oder Rettung des Klimas verantwortlich gemacht werden. Durch gesetzliche Rahmenbedingungen muss klimaschädliches Handeln schwerer, und klimafreundliches Handeln viel leichter gemacht werden."

Wer demonstriert, will nichts lernen?

Der Unterricht darf nicht gegen gesellschaftliches Engagement ausgespielt werden", schrieb Martin Netzer, Sprecher des Bildungsministeriums, im März. Als Gegenmodell zu institutionalisierten Lehrplänen begleiten die Angebote des sogenannten "streikenden Klassenzimmers", Vorträge von Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des Climate Change Center Austria (CCCA), seit Wochen die Proteste. "Bildung findet nicht nur in der Schule statt", sagt Pichler. "Wenn sich Menschen von sich aus mit Themen beschäftigen, die sie als relevant empfinden, lernen sie dabei auch etwas fürs Leben."