Reisen können, andere Länder kennenlernen, große Probleme gemeinsam lösen: Die Schüler, die beim diesjährigen Videowettbewerb der "Wiener Zeitung" mitgemacht haben, stellen in ihren Kurzfilmen den gemeinschaftlichen Charakter der Europäischen Union und die Chancen, die sie den Einzelnen bietet, in den Vordergrund. Nicht zur EU-Wahl zu gehen, ist keine Option: "Du triffst am Tag Hunderte von Entscheidungen. Die meisten sind völlig unwichtig. Geh am 26. Mai zur Wahl und triff eine wirklich wichtige Entscheidung", heißt es in einem der Videos.

Der Videowettbewerb zum Thema EU ist die dritte Future Challenge der "Wiener Zeitung" und die bislang erfolgreichste. Schüler und Lehrlinge aus ganz Österreich im Alter zwischen 16 und 20 haben insgesamt 74 Kurzvideos eingereicht, in denen sie sich mit der EU auseinandersetzen: Sie hatten die Aufgabe, in einem kurzen Video andere davon zu überzeugen, zur EU-Wahl zu gehen. Und die Argumentation ist ihnen scheinbar leichtgefallen.

"Generation EU"

Benedikt Weingartner ist nicht überrascht, dass gerade jungen Menschen viel zu Europa und zur Europäischen Union einfällt: "Das ist die Generation EU", sagt er. Weingartner ist seit fünf Jahren durch die von ihm gegründete Plattform "Europa:Dialog" mit Lehrern und Schülern in ganz Österreich im Dialog über die EU. Für Schüler, so sein Fazit, ist Europa ein Thema, das selbstverständlich mit ihrem Leben zu tun hat. "Wer heute in Österreich jung ist, wurde in ein Österreich, das EU-Mitglied ist, hineingeboren. Diese jungen Leute sind mit der EU und mit dem Euro aufgewachsen, und sie verstehen, dass es in den großen Dingen, wie etwa dem Klimaschutz, einfach notwendig ist, zu gemeinsamen Lösungen zu kommen. Sie finden es außerdem selbstverständlich, ohne weitere Formalitäten ins EU-Ausland zu gehen, um dort zu studieren oder andere Sprachen zu lernen. Viele wollen auch in einem anderen EU-Land arbeiten."

Ist diese Jugend doch nicht so unpolitisch, wie viele Erwachsene zu glauben scheinen? Jörg Hopfgartner, Schulleiter der Bundeshandelsakademie und Bundeshandelsschule Wien 10 (BHAK Wien 10) verweist auf die Fridays for Future-Bewegung, bei der sich Schüler aus ganz Europa für eine konsequente Klimaschutzpolitik einsetzen: "Es ist absolut begrüßenswert, dass sich junge Menschen für etwas engagieren und dafür eintreten." Hopfgartner weist auf den damit verbundenen Verstoß gegen das Schulunterrichtsgesetz hin, das Schüler zu pünktlicher und vollständiger Teilnahme am Unterricht verpflichtet. Er sagt aber auch: "Es ist unsere Aufgabe als Schule, einen guten Ausgleich zu finden. Wir müssen Lösungen finden, die es den Schülern ermöglichen, sich politisch zu engagieren und ihre Pflichten zu erfüllen." Die BHAK Wien 10 nimmt mit mehreren Schülergruppen an der Future Challenge teil.

Politik an der Schule

Hopfgartner geht es um mehr, als um die gerade aktuellen Proteste der Schüler, die er noch nicht als Schülerbewegung bezeichnen will: "mir fehlt da noch die Themenvielfalt, aber das kann ja noch kommen". Es geht darum, was er für eine zentrale Aufgabe der Schule hält, nämlich, demokratiepolitisches Denken zu vermitteln. An seiner Schule wird Politische Bildung großgeschrieben, angefangen bei der Schülervertretung. Wer sich um eine Funktion in der Schülervertretung an der BHAK Wien 10 bewirbt, muss mit einem Wahlprogramm kandidieren und als gewählter Schülervertreter aktiv an Entscheidungsprozessen teilnehmen. "Wir brauchen keine Zettelverteiler für die Direktion. Die Schülervertreter sind ernsthafte Vertreter im Schulgemeinschaftsausschuss, beschließen Schulentwicklungsprojekte und wichtige Themen der Schule aktiv mit.

Ich halte das für zentral. Je ernster man die Schüler in dieser Rolle nimmt, die offene Diskussion pflegt, sich überlegt, welche Themen man an die Klassen zur Entscheidung delegieren kann usw. desto selbstverständlicher ist es für die Schüler, an politischen Entscheidungsprozessen teilzunehmen." Es kommt vor, dass ehemalige Schülervertreter der BHAK Wien 10 sich später in der Lokalpolitik engagieren. "Ich hoffe, dass unsere Schule auch einen Teil dazu beigetragen hat."

Die HAK ist Teil des Netzwerks "EUropa in der Schule", einer Initiative Bildungsministeriums gemeinsam mit EU-Kommission und EU-Parlament in Österreich. EUropa in der Schule soll die europapolitische Bildung an den österreichischen Schulen stärken.

Warum ist es wichtig, dass die EU an der Schule vorkommt? Jörg Hopfgartner: "Wenn ich bestimmte gesellschaftliche Themen wie Nachhaltigkeit oder wirtschaftliche Entwicklung auf die Agenda bringen will, muss ich die politischen Strukturen kennen. Wenn man diese Strukturen, egal ob auf nationaler oder supranationaler Ebene, nicht kennt, kann man sein Recht nicht artikulieren. Wenn ich also nicht weiß, von wem ich was fordern kann, welche Rechte und welche Pflichten ich habe, dann wird diese Unwissenheit zu einer Quelle des Populismus. Politisches Wissen ist die beste Firewall gegen Populismus."

Europa:Dialog ist der Partner der "Wiener Zeitung" bei der diesjährigen Future Challenge und entstand im Oktober 2014 als Gesprächsreihe im Haus der Europäischen Union in Wien. Aus der Gesprächsreihe ist inzwischen eine multimediale Plattform geworden, die politisches Wissen über die EU zu jungen Menschen bringen will. Für viele Lehrende sind die Veranstaltungen ein wichtiger Bestandteil des Unterrichts. Die Gespräche mit EU-Experten, Politikern, Wissenschaftlern, Aktivisten und Philosophen sind regelmäßig ausgebucht und werden deshalb via Livestream übertragen. Eine eigene Sendereihe auf Okto TV gibt es auch. Ganze Schulklassen besuchen die Veranstaltungen regelmäßig, um etwa mit dem Politikwissenschaftler Anton Pelinka oder dem Datenschutzexperten Max Schrems über Europa zu diskutieren. Am 3. Mai kommt im Rahmen der Aktionstage Politische Bildung des Bildungsministeriums Julya Rabinowich ins Haus der EU.

Viele der zur Future Challenge eingereichten Videos thematisieren den Brexit, den möglichen Austritt Großbritanniens aus der EU. Für die Schüler heißt dies: Die Reise nach England, der Sprachkurs, der Austausch mit britischen Freunden und Schülern, das Studium in London oder Edinburgh stehen plötzlich in Frage. Ein triftiger Grund für einige, am 26. Mai zu wählen. Für die Schüler scheint klar zu sein: Wer sich beteiligt und seine Stimme abgibt, tritt nicht so leicht aus.

Die HAK im 10. Bezirk nutzt das Erasmus+-Programm und schickt die Maturaklassen jedes Jahr nach Brüssel oder Straßburg. Für den 9. Mai hat die Schule sechs Vertreter der Parteien eingeladen, die zur EU-Wahl antreten. Die Diskussion mit allen Schülern der Schule soll zeigen: "Es gibt demokratische Rechte, aber auch Pflichten, wie etwa die, zur Wahl zu gehen", so Jörg Hopfgartner. Die HAK unterstützt die Initiative "Diesmal wähle ich": "Wir sagen den Schülern: ‚informier dich und geh‘ wählen‘. Wir wollen, dass sie zumindest die zentralen Positionen unterscheiden können und nicht nur Personen aufgrund von Sympathie oder Optik wählen."

Nicht allen Schulen fällt es so leicht, Europapolitik oder überhaupt politische Themen in den Schulalltag zu integrieren. Politische Bildung ist in Österreich nur an den Berufsschulen ein eigenständiges Unterrichtsfach; alle anderen Schularten bieten es als Unterrichtsprinzip in Kombination mit Geschichte oder Geografie an. Seit dem Schuljahr 2016/17 ist Politische Bildung allerdings als Pflichtlehrstoff ab der 6. Schulstufe verankert. Für Benedikt Weingartner ist das noch zu wenig. "Man muss sich energisch dafür einsetzen, dass Politische Bildung ein eigenständiges Unterrichtsfach an allen Schulen ist", sagt er. Gerade mit einem so komplexen Thema wie der EU dürfe man Lehrer nicht allein lassen, ist seine Überzeugung: "Es gibt Lehrer, die sich sehr engagieren, die sich selbst europapolitisch weitergebildet haben, mit ihren Schülern Europathemen besprechen, Veranstaltungen besuchen und sogar mit ihren Schülern zu den EU-Institutionen nach Brüssel und Straßburg reisen. Die meisten Lehrer können das aber nicht leisten, weil dafür die Ressourcen fehlen. Sie brauchen Unterstützung."

Mit Europa:Dialog hat Benedikt Weingartner in den vergangenen knapp fünf Jahren über 80 Abendveranstaltungen und zusätzlich zahlreiche Schulveranstaltungen im EU-Haus sowie Podiumsdiskussionen in Schulen absolviert. Weiterführend möchte er gerade mit Livestreams Schulen in ganz Österreich erreichen. "Es ist ein langer Weg, bis man die Lehrer erreicht", sagt Weingartner. Er suchte von Anfang an den engen Austausch mit Bildungsministerium und Bildungsdirektion, nicht zuletzt, um den Lehrenden die Angst vor dem Thema Politik zu nehmen: "Manche möchten sich lieber gar nicht mit Politik beschäftigen, weil sie befürchten, in parteipolitische Fahrwasser zu geraten. Sie halten sich daher gänzlich aus politischen Themen heraus." Benedikt Weingartner nimmt die Bedenken ernst. In seinen Veranstaltungen geht es um Europa, nicht um Parteipolitik. "Wir wollen darüber sprechen, welches Europa bzw. welche Union wir wollen."

"Alle demokratisch wählbaren Parteien müssen für die Schüler einschätzbar sein und wählbar bleiben", sagt auch Jörg Hopfgartner. Politische Bildung werde oft mit Parteipolitik verwechselt, aber genau das ist sie nicht. "Wir möchten, dass sich die Schüler mit Wahlprogrammen auseinandersetzen, lernen, die Parteien zu unterscheiden und schließlich auch lernen, über den eigenen Tellerrand zu schauen und politische Systeme und Entwicklungen zu vergleichen. Das ist die Basis und ein Pfeiler der Gesellschaft."

Kommt Europa mit?

Nach den Jahren Erfahrung stellt sich für Benedikt Weingarter inzwischen die Frage, ob die EU mit den Erwartungen der Schüler mithalten kann. "Die Mitgliedsstaaten blockieren oft wichtige Entscheidungsprozesse in der EU. Es entsteht der Eindruck, die EU sei unfähig, die drängenden Probleme zu lösen – was aber nicht stimmt. Das macht es ehrlich schwierig zu vermitteln, dass Europa die Chance für die Zukunft ist. Ich versuche zu zeigen, was dennoch möglich ist."

Die Erwartungen der Schüler an Europa sind hoch: Vom Klimawandel, über Migration bis zur Digitalisierung sehen sie die EU am Zug und sich selbst als EU-Bürger. Zumindest ist das der Eindruck, den die eingereichten Videos vermitteln. Bis zum 12. Mai haben alle Interessierten noch Gelegenheit, sich die Videos anzusehen und auf Youtube durch die Vergabe von Likes mitzuvoten: Die zehn Videos mit den meisten Stimmen kommen auf die Shortlist für eine Jury, die daraus die besten drei Videos auswählt. In der Jury sind unter anderem renommierte Filmemacher und Filmemacherinnen vertreten. Die Redaktion der "Wiener Zeitung" wird außerdem wieder einen Sonderpreis vergeben. "Die Schülerinnen und Schüler haben in ihren fantastischen Beiträgen einen ganz eigenen Blickwinkel auf das große Thema Europa entwickelt. Das hat uns als Redaktion fasziniert, und das wollen wir mit einem eigenen Preis auszeichnen", so Walter Hämmerle, Chefredakteur dieser Zeitung und Mitglied der Redaktionsjury.