Wien. Sie akzeptieren weder die Behörden, noch halten sie sich an Gesetze. Ihre Häuser, Grundstücke oder Wohnungen sind für sie exterritoriale Gebiete, auf denen Gerichtsvollzieher, Behörden und selbst die Polizei ihrer Ansicht nach über keine Autorität verfügen. Der Staat Österreich existiert für sie nicht, sie sehen sich als "Freemen", als "Reichsbürger", "Terranier" oder als Mitglieder eines imaginären "Staatenbundes Österreich". Was der Verfassungsschutz bei seinem erstmaligen Auftauchen vor weniger als drei Jahren noch als kurzlebiges Phänomen betrachtete, nimmt inzwischen immer ernstere Ausmaße an. Zu lange habe man weggeschaut, sagen Experten wie Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen.

Die deutsche "Reichsbürger"-Bewegung ist eindeutig ein neues, rechtsextremes Phänomen, ihre Anhänger sind nicht selten bis an die Zähne bewaffnet und mit klassischen Neonazis und anderen rechtsextremen Gruppen vernetzt. Regelmäßig finden Razzien statt, bei denen die Polizei inzwischen mit großer Präsenz vorgehen muss. Vergangenen Oktober kam in Bayern bei einem solchen Einsatz ein Polizist durch Schüsse ums Leben. Seit November werden die "Reichsbürger" flächendeckend vom deutschen Verfassungsschutz überwacht. Einige Tausend sind es bereits, sagt der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere. Und die Szene wächst weiter.

Absurde Geldforderungen

So wie die "Reichsbürger" ist auch die heimische Staatsverweigerer-Szene äußerst heterogen (die "Wiener Zeitung" berichtete). Aussteiger-Typen und links gesinnte Systemkritiker zählen ebenso dazu wie krude Verschwörungstheoretiker oder eben Rechtsextreme. Thematisch sind die Grenzen fließend: Globalisierungskritik, Ökologie und Weltuntergangswahn treffen auf braune Esoterik und Antisemitismus. Gemein ist ihnen allen die Ablehnung des Staates und der Gesetze - der harte Kern der Szene setzt dies auch in die Tat um. Dieser besteht mittlerweile aus rund 1100 Personen, sagt der Generaldirektor für Öffentliche Sicherheit, Konrad Kogler. Allein in den vergangenen vier Monaten sollen sich 400 Personen der Bewegung angeschlossen haben, der Sympathisantenkreis zählt rund 20.000 Personen.

Neben handfesten ideologischen Motiven entschließen sich viele auch aus privaten Gründen, sich von Staat und Gesellschaft loszusagen. Oftmals stecken "Freemen" bis zum Hals in Schulden, haben eine Scheidung hinter sich, Angehörige verloren oder andere, persönliche Krisen durchlitten.