Ähnlich verläuft die Befragung der weiteren Zeugen, darunter der Bürgermeister von B.s Heimatgemeinde, dessen Vizebürgermeisterin. Diese fühlte sich "massiv unter Druck gesetzt", als Unternehmerin könne dies für sie geschäftsschädigend sein. "Da geht es um Summen, die beeinträchtigen den Rest deines Lebens, um Summen, die man im Leben nicht erarbeiten kann." Sie habe sich "massiv bedroht" gefühlt, sagt sie.

Eine Handbreit dick ist der Stapel von Drohschreiben, die B. an die Gemeinde und an die Sozialversicherung der Bauern (SVB) geschickt hat. Auf deren Mitarbeiter hatte es B. besonders abgesehen, auch sie sagen heute als Zeugen gegen B. aus. Hätten sie B. die Sozialversicherungsbeiträge prinzipiell erlassen können? Nein, sagen die Zeugen geschlossen, schließlich handle es sich um Pflichtbeiträge.

"Was haben Sie sich gedacht, als Sie diese Schreiben gesehen habe?", fragt die Richterin eine Zeugin der SVB. "Das darf ja nicht wahr sein. Wir leben in einem Rechtsstaat, da gibt es Rechte, und Pflichten auch. Man denkt sich, das ist irgendwie ein schlechter Scherz."

"Am Beginn, große Verwunderung, und dann auch das Nachdenken was passiert, wenn diese Beträge tatsächlich eingefordert werden", sagt ein anderer Zeuge. Was B. bezwecken wollte? Er habe wohl versuchen wollen, "den Rechtsstaat auszuhebeln, mit der Zeit, wenn sich viele dafür finden", sagt eine SVB-Bedienstete. Man sei von der Landespolizeidirektion aufgefordert worden, die Schreiben B.s nicht zu vernichten, sondern zu sammeln, und der Staatsanwaltschaft zu übergeben, sagt der Direktor der SVB. Die Polizei habe auch auf den deutschen Verfassungsschutz verwiesen.

Grinsend und mit verschränkten Händen steht B. indes im hinteren Bereich des Gerichtsaals. Er atmet hörbar laut, er sieht aus, als mache er Meditationsübungen. Wenn er zu den Zeugenaussagen gefragt wird, entgegnet er der Richterin stereotyp: "Im Namen Jesus Christus, sind Sie der Treuhänder des Namens M.B.? .(..) Über lebende Männer und Weiber können Sie nicht verhandeln!"

Das Schlussplädoyer der Pflichtverteidigers, mit dem B. während der Verhandlung kein einziges Wort wechselt, und mit dem er auch zuvor in keinerlei Kontakt gestanden habe, wie der Verteidiger sagt, plädiert "pflichtgemäß" auf Freispruch. B. habe sich "Mitte 2015 entschieden, sich vom Staat zu verabschieden", und sich ein Wahngebilde angeeignet, das er bis heute aufrechterhalte – auch wenn dieses "in sich nicht schlüssig" sei. Der Staatsanwalt fordert ein "hohes Strafmaß". Dies sei aus Gründen der Generalprävention notwendig. Nach kurzer Pause das Urteil: B. ist schuldig der versuchten Erpressung und des Widerstands gegen die Staatsgewalt, das Strafmaß: 18 Monate Haft, sechs davon unbedingt.

Gefragt, ob er Rechtsmittel einlegen wolle, sagt B.: "Ich verzichte auf das Privileg, von Ihnen verurteilt zu werden. (... ) Der lebende Mann aus Fleisch und Blut verzichtet auf dieses Privileg!" "Herr B., wenn Sie jetzt keine Rechtsmittel einlegen, müssen Sie ins Gefängnis!", versucht sein Verteidiger es nochmals. Vergeblich. Die Richterin wertet das dennoch nicht als Verzicht auf Rechtsmittel, es gelten drei Tage Bedenkzeit. Das Urteil ist somit nichts rechtskräftig.