Auf der anderen Seite würden sich Bundes- und Landespolitik aber mit den guten Dingen schmücken, die mit Hilfe der EU entstanden sind. Ein Beispiel seien Projekte, die zu großen Teilen über die EU-Regionalförderung finanziert wurden. "Das lässt man dann gerne unter den Tisch fallen", sagt Heider. Man ist zwar verpflichtet, das kenntlich zu machen, aber meistens findet man das Europa-Symbol irgendwo unten im linken Eck einer Tafel, da wo der Hund hinmacht." Dadurch werde Skepsis geschürt und den Leuten nicht vor Augen geführt, welche guten Dinge durch die EU in den Gemeinden möglich werden, sagt Heider. Europa verschwinde so aus der politischen Realität, obwohl allein 60 bis 80 Prozent der Vorgaben, die Gemeinden umsetzen müssen, der EU-Gesetzgebung folgen.

Heider spricht selten am analogen Stammtisch über Europa. Öfter beteiligt er sich an Debatten in sozialen Netzwerken. Für die dritten und vierten Klassen der örtlichen Volksschule hat er vier Veranstaltungen pro Schuljahr im Rahmen der Politischen Bildung organisiert, Europa spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Besonders hervorgetan in der kommunalen Europapolitik hat sich das Burgenland, das anfangs nicht so recht wollte. Bis 2012 meldeten sich nur sechs Bürgermeister und Gemeinderäte für die ehrenamtliche Botschafterrolle. Das Burgenland sah Handlungsbedarf. Alle 171 Gemeinden im Land wurden im Zuge eines Regionalmanagementprojekts besucht, um die Initiative vorzustellen.

Speziell war dabei, dass sich im Burgenland nicht nur Bürgermeister und Gemeinderäte dafür melden konnten, sondern auch interessierte Bürger. Diese Aktion brachte prompt mehr als 140 Freiwillige aus insgesamt 103 Gemeinden zusammen.

In weiterer Folge veranstaltete das Burgenland kostenlose Schulungen und Informationsabende auf Bezirksebene, bei denen nicht nur EU-Basiswissen vermittelt wurde, es gab auch Trainings wie man auf dem Stammtisch oder bei Versammlungen richtig argumentiert. Die Ausbildung endete im November 2012 mit einem Brüssel-Besuch und einer Zertifikats-Übergabe an 142 EU-Gemeinderäte, die heute Vorträge halten, über EU-Themen in der Gemeindezeitung schreiben oder Gemeinderäte aus dem eigenen Ort beraten.

Das größere Vertrauen

Einer dieser Burgenländer ist Bernd Strobl (ÖVP), Bürgermeister in Ollersdorf und "glühender Europäer". Strobl glaubt, dass Europa nur über die Gemeinden näher zusammenrücken und die Spaltung in der Gesellschaft überwinden kann. "Dort ist das Vertrauen der Leute zur Politik am größten", sagt er. "Viel größer als zur Landes- und Bundespolitik."

Hätte Großbritannien EU-Gemeinderäte gehabt, sagt Strobl, der Brexit wäre nie passiert. "Die würden heute ganz anders abstimmen." Wenn die Gemeinden ihre Bürger informieren, dann könne "die Propaganda kommen wie sie will". Der Bürger sei mündig genug, um abzuwägen.

In Ollersdorf gibt es bei Europawahlen eine Wahlbeteiligung von etwa 70 Prozent. Brüssel sei für viele im Ort dennoch weit weg und im Alltag kein Thema. "Nur hat Österreich allein in einer globalisierten Welt nichts zu melden", sagt Strobl. "Da geht nur gemeinsam als Europa was."

Der Ollersdorfer Bürgermeister teilt den Leuten vor der Europawahl im Mai nächstes Jahr Listen aus, damit sie sehen, was mit EU-Geldern in den Gemeinden möglich wurde, etwa das Naturschutzgebiet im Ort, er spricht mit Betrieben, die für Projekte ebenfalls um Gelder ansuchen können. "Dann sehen sie Europa ganz anders und durch den Informationsaustausch wird das Verständnis für andere Länder vielleicht besser."

Rumänien habe freilich andere Bedürfnisse als Portugal und in Estland könne man mit der Bergbauernförderung nichts anfangen, in Tirol dagegen sehr wohl. "Wir sind alle Europäer", sagt Strobl. Da gelte es, Kompromisse zu schließen, die alle voranbringen. Je klarer dieser Gedanke werde, desto einheitlicher trete Europa nach außen hin auf. Den Grundstein dafür wollen die legen, die einem wohl nicht sofort in den Sinn kommen, wenn man an die Europäische Union denkt: die Gemeinden.