Es geht nicht darum, etwas zu erfinden, was nicht ist, sondern zusätzliche Fakten vor den Vorhang zu holen. Es geht um Narrative aus anthropologischer Perspektive, die Erlebtes einzuordnen helfen, jenseits einer tendenziösen Darstellungskraft. Inhalte, Frames oder Subtexte lassen sich damit differenzierter transportieren, sie lassen die Türe zur Rückkehr offen und sprechen auch potenzielle Zuzügler selektiv an.

Geschichten bilden ein
Kino im Kopf

Werden Geschichten im Kontext der Historischen Anthropologie als historische Praxis begriffen, können sie auch im Zusammenhang der regionalen Entwicklung aufgearbeitet und neu geschrieben werden. Geschichten zu erzählen, bedeutet somit zum einen eine reflexive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, zum anderen das Aufbereiten zukünftiger Entwicklungsoptionen. Geschichten eignen sich deshalb so gut, weil sie im Optimalfall ein Bindeglied zwischen Emotionen, Informationen, Unterhaltung und Spannung darstellen. Sie wirken dabei als Informationsträger und laufen in bekannten wie gelernten Mustern ab. Sie wecken Gefühle und bilden Kino im Kopf.

Nicht umsonst sind Geschichten übers Land mit unterschiedlichen Konnotationen auf den Bestsellerlisten zu finden, wie Alina Herbigs Roman "Niemand ist bei den Kälbern" oder Vea Kaisers "Blasmusik-Pop" aufzeigen. Geht man weiter zurück, so hat schon Peter Rosegger den Wandel des Landes vor 120 Jahren ganz gut beschrieben. Vielleicht müssen manche ländliche Regionen auch ein wenig urbaner werden, um die kommunikative Anschlussfähigkeit an Zentralräume zu sichern und um dem Trend zur Urbanisierung von Lebensstilen auch in ländlichen Regionen Rechnung zu tragen.

Geschichten wie diese sind wertvoll, weil sie Diskussionsstoff liefern und zum Dialog einladen. Sie bieten Anknüpfungspunkte, sie lassen sich fortsetzen, und sie lassen sich auch verändern. Genau darin liegt noch viel ungenutztes Potenzial. Regionalentwicklung ist eine Querschnittsmaterie, die auf unterschiedlichen Handlungsebenen von öffentlicher Verwaltung bis zu Bottom-up-Prozessen auf regionaler Ebene zur Anwendung kommt. Die Wirkung zielt dabei auf sämtliche Maßstabsebenen, von einer EU-Zielgebietskulisse bis hin zu lokalen Projekten. Die Qualität und Dauer der Prozesse ist sehr unterschiedlich und wird in der Regel von Governance-Arrangements gesteuert. Genau diese Governance-Arrangements, dieses Zusammenwirken unterschiedlicher Steuerungsebenen, bei denen regionale Akteure eine große Rolle spielen, sind Kommunikatoren dieser Geschichten.

Wie kann ein Image
verändert werden?

Wie kann nun ein Image, eine Selbst- oder Fremdwahrnehmung verändert werden? Wie kann das "regionale Gejammer" aufhören? Wie lässt sich Entwicklung in meiner eigenen Region darstellen? Welche Akteure haben hier eine Rolle gespielt? Warum fühle ich mich benachteiligt? Wichtig ist das Überdenken der Deep-Frames. Dabei kommt dem Bewusstsein über die Alltagsverwendung von Sprache besondere Bedeutung zu. Auch das Kontextualisieren einer Innensicht zu empirischer Evidenz kann hilfreich sein, um Geschichten näher an die Fakten zu bringen.

Ob das Gefäß nun halb voll oder halb leer ist, ist mitunter eine sehr subjektive Interpretation. Beim Einsatz der Sprache, nicht zuletzt in Fragestellungen gewünschter regionaler Entwicklungen, ist ein differenzierter Zugang zu regionalen Voraussetzungen jedoch hilfreich, wenn es darum geht, Zukunft bewusst gestalten zu wollen. Ein Bürgermeisterzitat aus dem Südburgenland: "Wenn einer in meinem Ort die Matura macht, kann ich die schwarze Fahne hissen!", verstellt hingegen die Sicht auf die reale Lebenssituation und Perspektiven Jugendlicher. Wie auch die auf eine proaktive Gemeindeentwicklung, vor allem im Zusammenhang notwendiger Bindungsangebote an jene, die - von der Intention vielleicht auch nur temporär -weggehen. Der Wegweiser zeigt den Weg, er geht ihn jedoch nicht mit. Dieser Aphorismus umschreibt die Situation von Regionen ganz gut. Regionen sind somit selbst immer wieder neu gefordert, ihre eigenen Geschichten zu reflektieren, zu entwickeln, neue zu schreiben und diese an die kommenden Generationen weiterzugeben.

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