Nicht nur in steigenden Preisen, auch in sinkender Größe und Qualität spiegelt sich die hohe Nachfrage nach Wohnraum wider. So werden von Bauträgern mittlerweile Standorte in Anspruch genommen, die bis vor kurzem nicht für Wohnzwecke in Frage gekommen wären: etwa direkt neben Stadtautobahnen oder unmittelbar an U-Bahn-Trassen in Hochlage. Die prekärsten Wohnungen werden dabei gern als Studentenheimplätze oder als "temporäre" beziehungsweise "servicierte" Apartments vergeben. Solche Sonderwohnformen tragen zum Verwertungserfolg selbst von lärmgeplagten Bauten bei - ebenso wie zur Auslastung von schlecht belichteten, kaum besonnten oder grünraumfreien Projekten. Diese mehren sich mit zunehmender Bebauungsdichte, einer weiteren Folge der galoppierenden Bodenpreisentwicklung.

Für viele Zeitungen, insbesondere deren Immobilienseiten, stellt der Trend zum Kleiner - Enger - Höher kein Problem dar: Banale Massenwohnbauten werden darin ungeniert als "urban" schöngeredet. Mit stimmungsvollen Berichten über Mikroapartments in New York oder Tokio verleihen die Redaktionen dem Schwinden der Wiener Wohnbaustandards etwas Weltläufiges, sehr zur Freude ihrer Inserenten. Ihren Lesern wiederum stehen sie mit wohnpsychologischen Tipps zur Seite, wie sie selbst in Kleinstwohnungen ihr Glück finden können: So würden Räume durch helle Farben größer wirken, während von Mustern und Farbvielfalt eher abgeraten wird. Auch ein Spiegel könne ein Zimmer optisch erweitern - und ein schöner Ausblick allzu knapp geschnittene Grundrisse vergessen lassen. Falls die dichte Staffelung der Wohnbauten aber keine entsprechende Aussicht erlaube, helfe das Bild einer harmonischen Landschaft an der Wand.

Finanzwirtschaft am Vormarsch

Freilich wird Wien mit dem starken Bevölkerungszuzug auch allein gelassen. Das "Siedlungspolitische Konzept Ostregion" im Auftrag der Länder Wien, Niederösterreich und Burgenland sah bereits 1994 vor, das nach der Ostöffnung und kurz vor Österreichs EU-Beitritt erwartbare Wachstum der Hauptstadtregion konzertiert auch auf die kleineren Städte im Umland Wiens zu verteilen - also auf Standorte wie Stockerau, Gänserndorf oder Bruck an der Leitha, die über eine gut ausgebaute soziale Infrastruktur verfügen und per Bahn kurze Arbeitswege in die Hauptstadt ermöglichen.

Doch blieben sowohl die erforderlichen Investitionen in den Schienenverkehr als auch die Kooperationsbereitschaft so mancher in Frage kommender Kommune aus. "Manche Gemeinden im Großraum Wien sagen uns ganz offen, dass sie keinen mehrgeschoßigen Wohnbau möchten und in ihren Bebauungsplänen weiter auf das Einfamilienhaus setzen", weiß Architekt Norbert Steiner, Obmann der Gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaft Alpenland in St. Pölten.

Allein mit bodenpolitischen, planungspolitischen oder auch wohnbaupolitischen Maßnahmen auf Gemeinde- oder Länderebene wird der gegenwärtigen Wohnkostenentwicklung in den Zentren aber ohnehin nicht beizukommen sein. Die größten Prüfsteine für das etablierte Wiener Wohnbausystem sind inzwischen wohl die fragwürdige europäische Finanzpolitik sowie die wachsenden regionalen und überregionalen Kapitalinteressen samt ihrer mangelnden politischen Zähmung.

So beraubt das seit Jahren geradezu absurd niedrige Zinsniveau in der Euro-Zone die Wohnbauförderung - sprich, die subventionierten Billigkredite des Landes - weitgehend ihrer Attraktivität.