Ein Blick in die Schweiz

Dem hohen Standard und den damit verbundenen Kosten deutscher und österreichischer Sozialwohnungen stellt Kraus die deutlich schlichtere Ausstattung schwedischer Sozialwohnungen gegenüber, wo beispielsweise Wasserleitungen über Putz verlegt werden. Zu Demonstrationszwecken plante und errichtete die GWG einen 2017 bezogenen Wohnbau, bei dem sie bewusst auf öffentliche Förderungen und somit auch auf die damit verbundenen Anforderungen verzichtete. So beschränkte man sich auf nur ein Fensterformat, das in manchen Räumen auch größer war als vorgeschrieben, auf einen Balkontypus und eine Heizkörperform - oder hielt die Decken frei von Elektroinstallationen. Das Ergebnis war eine Kaltmiete von für München günstigen 10 Euro pro Quadratmeter, womit der frei finanzierte Bau den Bewohnern nicht teurer kommt als geförderte Wohnanlagen.

Dass man die Aufgabe, leistbare Wohnungen zu bauen, aber auch ganz anders angehen kann, zeigt die Schweiz - die über eine bunte Landschaft kleiner, privater Baugenossenschaften verfügt. Urs Frei ist der Präsidenten der Züricher Wohnbaugenossenschaft Zurlinden, die von 30 Unternehmern aus dem Baufachgewerbe gebildet wird. Frei beispielsweise betreibt eine Fensterfabrik und nutzt, wie all seine Partner, die gemeinsamen Bauprojekte für die Entwicklung und prototypische Anwendung innovativer Lösungen.

Für die Genossenschafter sind die realisierten Wohnanlagen, mehrheitlich Holzbauten, die bestmögliche Produktwerbung - für den Großraum Zürich eine sich dauernd erweiternde Bauausstellung für zukunftstaugliches Wohnen. Denn die "Unternehmergenossenschaft" möchte das Ihre dazu beizutragen, das Schweizer Ziel einer energieeffizienten, klimaschonenden "2000-Watt-Gesellschaft" zu erreichen - was nicht weniger als eine Drittelung des aktuellen Energiebedarfs bedeutet.

Insofern steht für Zurlinden auch nicht die Rendite, sondern der ökologische Mehrwert ihrer Projekte im Vordergrund. "Leistbarkeit ist eine Frage der Betrachtung", erklärt Urs Frei seine Wohnbauphilosophie. "Die Wohnungskosten setzen sich aus Grundstücks- und Baukosten, aber auch aus Betriebskosten, Sanierungskosten und irgendwann auch den Rückbau- oder Abrisskosten zusammen. Nach 90 Jahren sieht die Bilanz vermeintlich teurerer Wohnbauten ganz anders aus als bei einer Momentaufnahme nach Baufertigstellung." Langfristig rechne sich sein Zugang für die Genossenschaft und für deren Bewohner - und darüber hinaus auch noch für die Gesellschaft.