Graz. Die Conrad-von-Hötzendorf-Straße ist eine der Hauptschlagadern der steirischen Landeshauptstadt. Ausgehend vom Liebenauer Stadion zieht sie sich bis ins Zentrum der Stadt, vorbei an der Stadthalle, dem Finanzamt und dem Landesgericht. Belastet ist hier nicht nur die Verkehrssituation, die Straße leidet an chronischer Überlastung, sondern auch der Straßenname. Von Hötzendorf war Heerführer der österreichisch-ungarischen Armee und wesentlich an der Julikrise beteiligt, die zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges führte. Historiker werfen dem Feldmarschall, der zuvor mehrmals Präventivkriege gegen Italien und Serbien vorgeschlagen hatte, dezidierte Kriegstreiberei vor. Somit ist die nach ihm benannte Straße eine von insgesamt 20 in Graz, die von einer Historikerkommission in einem Prüfbericht als "sehr problematisch" eingestuft wird.

Rund 1000 Seiten waren es, die die 14-köpfige Kommission unter der Leitung des Historikers Stefan Karner im März 2018 vorgelegt hatte. Untersucht wurden alle 790 personenbezogenen Straßen- und Platznamen in Graz. Fazit: Nahezu jede achte Benennung sei "aus demokratiepolitischer Sicht kritisch zu beurteilen", so Studienleiter Karner. Von rund 80 "problematischen" Namen seien vor allem 20 als "sehr problematisch" einzustufen, darunter die erwähnte Conrad-von-Hötzendorf-Straße.

FPÖ stemmt sich dagegen

Daneben gibt es in Graz eine Dr.-Karl-Lueger-Straße - der ehemalige Wiener Bürgermeister war bekennender Antisemit und für seine feindselige Rhetorik gegenüber Juden bekannt. Der Gustav-Hofer-Weg erinnert an einen Arzt, der ab 1938 NSDAP- und SS-Mitglied war und ab 1940 im Ausbildungsstab der SS stand. Bereits seit längerem Gesprächsthema ist die Kernstockgasse. Ottokar Kernstock war ein deutschnationaler Dichter, Kriegspropagandist, Verfechter des "Deutschtums" und Autor des "Hakenkreuzliedes". Weitere Beispiele sind der "ostmärkische Paradedichter" Franz Nabl oder sein Kollege Hermann Löns.

Knapp vier Jahre haben die Historiker an dem Bericht gearbeitet: "Es war eine äußerst schwierige und auch besonders sensible Aufgabe. Viele Tatbestände lassen sich heute nicht mehr rekonstruieren, wir kennen oft nicht die Gründe für die einstige Zuerkennung des Straßennamens, es fehlen wichtige biografische Daten und so weiter", so Karner über die Problematik. Ausdrücklich gab die Kommission keine Handlungsempfehlung ab.

Knapp ein Jahr nach der Veröffentlichung des Berichts regt sich Unmut: "Es muss sich endlich etwas tun", forderte die stellvertretende Leiterin der Kommission, Karin Schmidlechner, die Stadtregierung aus ÖVP und FPÖ zum Handeln auf. Für den 14. Februar wird eine Debatte im Grazer Gemeinderat erwartet, auch die Opposition kritisiert, dass die Aufarbeitung zu lange dauern würde. Nun hat die Stadtregierung reagiert. ÖVP-Bürgermeister Siegfried Nagl merkte zuvor schon an, dass er von der Vielzahl der historisch belasteten Straßennamen "ziemlich überrascht" gewesen sei: "Ich schließe nichts aus, wünsche mir aber eine gemeinsame Vorgehensweise", so der Bürgermeister. Nun sollen in den kommenden zehn Jahren alle personenbezogenen Straßen- und Platznamen Erklärungstafeln erhalten. Weiters soll auf der Internetseite der Stadt Graz eine Informationsseite eingerichtet werden, auf welcher der Hintergrund zu Straßenbenennungen, der vollständige Historikerbericht und eine Kurzfassung zu finden sind.

Diskussionen sind zu erwarten

Zusätzlich werden die Grazer Schulen mit je zehn Stück Straßennamen-Büchern ausgestattet. Umbenennung sind keine vorgesehen, die FPÖ hatte sich als zweite Stadtregierungspartei dezidiert dagegen ausgesprochen. "Wir lehnen die Arroganz der Gegenwart ab, die sich anmaßt, Personen der Vergangenheit aus heutiger Sicht zu beurteilen", so FPÖ-Klubobmann und Gemeinderat Armin Sippel.

Diskussionen sind weiterhin zu erwarten, denn Umbenennungen werden teilweise selbst aus den Reihen der ÖVP gefordert: So hat etwa der Bezirksrat Geidorf mit einer Enthaltung (FPÖ) beschlossen, dass man sich eine "Umbenennung der Max-Mell-Allee in eine Oktavia-Aigner-Rollett-Allee" wünsche. Der aktuelle Namensgeber war ein Lyriker, der von der Reichsschrifttumskammer als "repräsentativster Dichter der Ostmark" bezeichnet wurde und sich für den Anschluss Österreichs an das NS-Regime begeisterte. Oktavia Rollett war hingegen die erste Ärztin am Allgemeinen Krankenhaus in Graz, was dem Wunsch von Historikerin Schmidlechner entsprechen würde, bei etwaigen Neubenennungen vor allem Frauen zu berücksichtigen - diese machen derzeit nur drei Prozent der Grazer Straßennamen aus.

So ist bei der kommenden Gemeinderatssitzung am 14. März mit einer kontroversen Debatte zu rechnen: "Der Umgang mit der Geschichte unserer Stadt darf nicht von der FPÖ diskutiert werden", kritisierte die grüne Stadträtin Judith Schwentner.

In der Diskussion rücken auch weitere Altlasten wieder in den Fokus - etwa der Heimatdichter und Hitlerverehrer Hans Kloepfer, der nach wie vor Ehrenbürger der Stadt Graz ist. Nach Wunsch der Opposition soll ihm dieser Status aberkannt werden.