Wien. In der Stadt ist die medizinische Versorgungsdichte so hoch, dass nach Spitalsaufenthalten auch Nachfolgetherapien leicht zugänglich sind. Am Land ist das nicht mehr so einfach und oft mit langen Anfahrtswegen und kostspieligen Reha-Aufenthalten verbunden. Deswegen soll das Gesundheitssystem nun neben ambulanter und stationärer Behandlung noch eine dritte Säule bekommen: die digitale Säule, die sogenannte Telerehabilitation - eine Art "Selbstpflege" zu Hause unter (Fern-)Anleitung eines Arztes oder eines Therapeuten.

Mit Jahresbeginn ist das neue Allgemeine Sozialversicherungsgesetz (ASVG) in Kraft getreten. Damit wurde auch die gesetzliche Grundlage für die Telerehabilitation geschaffen. Konkret wurde im Gesetzestext im § 302 Abs. 1 Z 1a nach dem Wort "Rehabilitation" der Ausdruck "einschließlich der Telerehabilitation" eingefügt.

Mit dieser Ergänzung wird erstmals ausdrücklich festgeschrieben, dass Telerehabilitation, als Teil der ambulanten Rehabilitation, zur medizinischen Rehabilitation zählt. Das Sozialministerium erwartet sich dadurch länger andauernde Therapieerfolge, weil die Patienten künftig auch zu Hause zur regelmäßigen Durchführung von Übungen motiviert werden können.

Durch die Möglichkeit, mit Ärzten und Therapeuten online zu trainieren, könnten zudem lange Anreisewege vermieden werden. Zum Einsatz kommen soll die Telereha vor allem im Anschluss an eine stationäre Rehabilitation. Denn nach der stationären Rehabilitation würden die meisten Patienten wieder viel zu schnell in den (untätigen) Alltag übergehen.

Finanzierung ungeklärt

Die Finanzierung ist aber nicht genau geklärt. Und ein Regelwerk, das den Rahmen für die Telereha schafft, gibt es auch noch nicht. Das sei aber nötig, erklärt Achim Hein, Erfinder der überwachten Teletherapie und des EvoCare-Behandlungsverfahrens in Deutschland, das heute Grundlage einer telemedizinischen Regelversorgung für Patienten zu Hause ist. 2013 lieferte der Experte die Idee für die erste Zulassung für Telemedizin in Deutschland. Seit Jahren bringt Hein seine Expertise auch in Österreich ein und unterstützt damit die Etablierung der Telereha.

"Mit der Digitalisierung der Reha verändert sich die Welt völlig. Denn wenn ich ein Arzt bin und Ihnen ein Therapeutikum für zu Hause verschreibe, Sie aber mehr zu sich nehmen als ich ihnen verordnet habe und einen Schaden davontragen, dann wäre das nicht mehr alleine ihrem eigenen Handeln zuzuordnen, sondern auch meinem. Das heißt, die ganze rechtliche Indikation muss im Zeitalter der Digitalisierung erweitert werden", sagt Hein.

Neben den rechtlichen Rahmenbedingungen gelte es aber auch zu gewährleisten, dass die Ärzte entsprechend geschult werden und die Technik so funktioniert, dass nur das gemacht werden kann, was verordnet wird. "Es muss sichergestellt sein, dass sich der Patient nach seiner Herz-OP nicht das Ergometer zu schwer einstellen kann. Das hatten wir auch sehr erfolgreich für die PVA umgesetzt."

Hier liege eine große Verantwortung beim Arzt, der entscheiden muss, ob der Patient für Telereha geeignet ist oder nicht. Abgesehen davon könne man nicht beliebig digitale Leistungen für das Gesundheitswesen schaffen. Auch das brauche eine Reglementierung. Hains Ansatz: "Wenn sich Behandlungsmethoden digitaler Natur durchsetzen sollen, können sie das nur dann, wenn sie eine Wirksamkeit belegen, die genau dem entspricht, was in Spitälern oder Reha-Zentren geschieht oder sogar noch besser ist - und gleich viel oder weniger kosten."

Seinen ersten Antrag zur Durchführung von der Telereha hat Hein 2001 gestellt. 2004 kooperiert er mit der deutschen Rentenversicherung. Die bundesweite Zulassung kam aber auch erst im Jahr 2018 und ist ebenfalls erst am 1. Jänner 2019 in Kraft getreten. "Seit 2001 habe ich das alles, was ich Ihnen jetzt erzählt habe, immer wieder detailreich an die Zulassungsbehörden gemeldet, sodass heute zwar ein einheitliches Regelwerk entstanden ist, meine Frau mir aber masochistische Züge unterstellt."

Weniger Rückfälle

Volkswirtschaftlich dürfte sich die Telereha auszahlen. "Laut den Daten der deutschen Rentenversicherung gibt es durch die Nachsorge deutlich weniger Rückfälle und es werden vorzeitige Pensionierungen verhindert: Wenn von 800 Patienten einer weniger in Frührente geht, dann rechnet sich bereits das ganze Verfahren", so Hein. Eine medizinische und ökonomische Evaluierung habe darüber hinaus ergeben, dass mit einem Euro, der in die Telereha investiert wird, vier Euro ins Sozialsystem zurückgehen.

Ein Punkt, der auch die österreichischen Sozialversicherungsträger aufhorchen lässt. "Bislang haben wir fast eine Milliarde Euro in den ganzen Reha-Bereich hineingesteckt - immer mit dem Problem, dass es nicht langfristig gewirkt hat", erklärt Alexander Biach, Vorsitzender des Hauptverbandes der Österreichischen Sozialversicherungsträger.

Durch den Einsatz der Telereha könne eine langfristige Betreuung der Patienten stattfinden und die telemedizinisch erfassten Daten der Patienten überprüft werden, ob die jeweiligen Therapiemaßnahmen wirken oder nicht. "Da liegen die Vorteile auf der Hand, was man ja schon aufgrund der Erfahrungswerte aus Deutschland sehen kann", so Biach.

Neue Honorarpositionen

Biach verweist auf das "Forum Reha", das im November 2018 in der Pensionsversicherungsanstalt stattgefunden hat. "Dort wurde die Telereha erstmals breit diskutiert und soll jetzt in diesem Jahr ausgerollt werden. Das heißt, wir werden das als Sozialversicherungsträger anbieten und die Patienten noch stärker in den Genesungsprozess einbinden."

Angesprochen auf das von Hein erwähnte fehlende Regelwerk, meint Biach, dass medizinische und therapeutische Maßnahmen immer von einem Arzt verordnet werden müssen. Hier könne er sich durchaus vorstellen, dafür eigene Honorarpositionen zu schaffen, damit die Ärzte auch dazu verpflichtet sind, entsprechende Therapien - also das Gesamtpaket inklusive ärztlicher Begleitung - zu verschreiben. Aber ein eigenes Regelwerk werde dafür in Österreich nicht benötigt. Allerdings müssen die Sozialversicherungsträger die entsprechenden Programme zum Download zur Verfügung stellen. Wenn der Patient etwa Turnübungen verordnet bekommt, dann sind es Videos, die er sich am Computer anschauen und nachmachen kann, um anschließend seine Werte ins Programm einzugeben.

Konkret budgetiert ist dafür allerdings noch nichts worden, meint Biach - abgesehen von der Programmentwicklung, die durch die PVA vorgenommen wird. "Es wurde so gerechnet, dass man mit der Telereha längerfristig Heilungskosten einsparen kann." Und auch der Wegfall der Fahrtkostenzuschüsse würden einen Kostenausgleich zu den Programmkosten schaffen, so Biach. Mit Apps haben die Programme übrigens nichts zu tun. Gesundheitsapps seien Lifestyleprodukte. Bei den Programmen geht es um eine kurative Versorgung mit hohen Qualitätsansprüchen, die nur im Zusammenwirken von Ärzten und Therapeuten sichergestellt werden können.

Bonus-Modelle ausbauen

Abgesehen davon können die Sozialversicherungen Bonus-Modelle schaffen, die den Patienten dazu motivieren, regelmäßig seine Werte einzugeben, ist Biach überzeugt. Und je größer der Fortschritt ist, desto weniger Selbstbehalt muss er zahlen - so wie das bereits jetzt schon bei der SVA gehandhabt wird. "Das eröffnet viele Möglichkeiten im Bereich der Selbstverantwortung und ermöglicht eine raschere Entwicklung von Innovation", sagt Biach.

Die VAEB (Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau) praktiziert Telereha bei Diabetikern bereits seit 2011 als Pilotprojekt und ist damit in Österreich Vorreiter. Auch hier spielt das Zusammenwirken von Technik und Ärzten eine wichtige Rolle. "Das begleitende medizinische Feedback von einem Arzt ist das Wichtigste an der ganzen Sache", betont Werner Bogendorfer vom VAEB-Direktionsbereich Gesundheit und Innovation. Es würden die zu Hause elektronisch erfassten Vitalparameter der Diabetiker soweit aufbereitet, dass der Arzt einen Überblick über den Status des Patienten erhält. Und der wird dann wöchentlich darüber informiert, was er zu tun hat.

Durch das neue Gesetz ändert sich für die Patienten der VAEB laut Bogendorfer daher nichts. "Es wurde nun lediglich die Form der Betreuung legitimiert und damit wird es für mehr Patienten zugänglich", sagt Bogendorfer. Bisher war nämlich ungeklärt, ob es sich um Therapiezeit handelt, wenn jemand in seiner Freizeit Telemedizin macht und seine Daten erfasst oder ob das Freizeit bzw. Hobby ist. "Jetzt ist es per Gesetz Teil einer Behandlung."

Studie stellt gutes Zeugnis aus

Im Übrigen hat eine aktuelle Studie der MedUni Wien ergeben, dass Telemedizin und Data-Science die Behandlung bei Diabetes verbessern können. Laut Daniela Haluza, Assistenzprofessorin und Fachärztin am Zentrum für Public Health der MedUni Wien verbessern telemedizinische Services die Versorgung von Diabetes-Patienten drastisch und senken gleichzeitig die Gesundheitsausgaben. Als Nachteile gaben die Befragten in der Studie an, dass die persönliche Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten durch Telemedizin reduziert sei. Auch gebe es einen höheren Zeitaufwand für die Ärzte, der finanziell seitens der Leistungsträger noch nicht entsprechend kompensiert werde. Auch die rechtliche Situation in Bezug auf Datensicherheit wurde teilweise als problematisch beurteilt.

Im Übrigen hat Achim Hein zum Rollout seines telemedizinischen Angebotes eine Aktiengesellschaft gegründet und in Deutschland vom Wirtschaftsministerium einen Förderbescheid erhalten: Investoren bekommen 20 Prozent ihrer Investition von der Regierung zurückerstattet und es gibt zusätzlich eine Ertragssteuerbefreiung. "Und das gilt auch für Investoren aus Österreich", so Hein.