Wien. (sir) Wer im Winter die Berge hinunter fährt, kennt sie: die Pistenregeln. Sie wurden 1967 von der FIS definiert und zuletzt 2002 adaptiert. Nun gibt es auch Verhaltensregeln für jene, die in der wärmeren Jahreszeit die Berge hinauf gehen. Sie sind, ähnlich wie im Winter, nicht Gesetz, aber sie werden in der Rechtsprechung ebenso von Bedeutung sein.

Parallel dazu ist derzeit eine Änderung des AGBG in Begutachtung, das den Almenbenutzern, also Wanderern, eine Eigenverantwortung beim Aufeinandertreffen mit Kühen zuweist. Wörtlich heißt es dabei in § 1320: "Die erwartbare Eigenverantwortung der Besucher von Almen und Weiden richtet sich nach den durch die Alm- und Weidetierhaltung drohenden Gefahren, der Verkehrsübung und anwendbaren Verhaltensregeln." Genau diese Verhaltensregeln legte das Ministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus am Dienstag vor. "Kühe sind grundsätzlich keine gefährlichen Tiere, aber Almen sind kein Streichelzoo", sagte Ministerin Elisabeth Köstinger.

Der Umgang mit Weidevieh

Mehr Handlungsspielraum

Hintergrund ist ein erstinstanzliches Urteil nach dem Tod einer Touristin 2014, das den Almbauern in die Haftung nahm. Das sorgte für große Aufregung unter den Bauern und führte zur Gesetzesinitiative der Regierung. "Es war bisher nicht möglich, eine Abwägung zu treffen", sagt Köstinger-Sprecher Daniel Kosak. "Es gab nur 100 Prozent Schuld oder gar keine, das war ein Problem."

Mit der Gesetzesänderung, den Verhaltensregeln für Almennutzer und Standards für Almbauern, die derzeit noch in Arbeit sind, soll es künftig für die Gerichte mehr Handlungsspielraum geben, bei Unfällen mit Kühen die Frage der Verantwortung und damit auch der Haftung zu entscheiden.

Die meisten der zehn Almgebote sind Selbstverständlichkeiten, etwa, dass man Kühe nicht erschrecken darf, sie nicht füttern und den Tieren mit Respekt begegnen soll. Auch andere Verhaltensweisen erscheinen logisch oder sind gelebte Praxis.

Doch selbst für erfahrene Wanderer hat sich auf Österreichs Almen im Vergleich zu früher etwas verändert, da die Mutterkuhhaltung stark zugenommen hat. Das heißt, dass die Kälber mit den Müttern auf der Weide stehen und von diesen auch beschützt werden. Dadurch kann es zu Problemen kommen, wenn Wanderer zwischen die Mutterkuh und ihr Kalb geraten, vor allem aber, wenn sie Hunde mit sich führen. Auch darauf wird explizit in den Verhaltensregeln eingegangen.

Die neuen Regeln auf einen Blick - © Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus (BMNT)
Die neuen Regeln auf einen Blick - © Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus (BMNT)

Bei dem Unglück in Tirol im Jahr 2014, das den Tod einer Wandererin zufolge hatte, war ebenfalls ein Hund beteiligt. Hunde werden von Kühen als Wolf und damit als Feind identifiziert. Die Touristin führte laut Urteil übrigens ihren Hund an der kurzen Leine, wie vorgeschrieben, und sie versuchte ihn auch abzuleinen, wie es in den Verhaltensregeln festgeschrieben ist. Sie schaffte es aber nicht mehr rechtzeitig.•