Mühlviertel. Der Streit entbrannte am Bindestrich. Er sorgte für Ärger am Kirchplatz, beim Frisör, am Feuerwehrfest, im Gemeinderat. Er spaltete sogar den Stammtisch. Die einen wollten ihn haben, die anderen "ums Verrecken" verhindern. Nun ist die Entscheidung gefallen. Seit Jahresanfang verbindet der Bindestrich die beiden Gemeinden St. Stefan im Wald und Afiesl im Oberen Mühlviertel.

Der Bindestrich verbindet, was für viele nicht zusammengehört. Seit sie denken können sind sie Afiesler oder St. Stefaner. Sie haben sich gegenseitig den Maibaum gestohlen, sind im Eisstockschießen gegeneinander angetreten, haben sich im Wirtshaus gestritten. Jetzt sollen sie plötzlich St. Stefan-Afiesler sein? Sie fürchten um ihre Identität.

Gemeindefusionen sind ein emotionales Thema. Gemeinden sind die unterste Verwaltungsebene des Landes. Wie ihr Name schon sagt, sind sie eingeschworene Gemeinschaften. Hier kennt man sich, grüßt sich auf der Straße, tratscht beim Bäcker, borgt sich Rasenmäher, Eier und Schneeschaufel. Der Bürgermeister ruft die Leute beim Vornamen.

Gemeinden sind klar strukturiert. Die Bürger wissen, wer die Straßen kehrt, wer die Wiese am Spielplatz mäht, wohin sie sich wenden können, wenn ihr Pass abgelaufen ist, wenn sie ein Baby bekommen haben oder eine Baugenehmigung für eine neue Garage brauchen. Gemeinden sind so etwas wie die Antithese zu einer immer komplexer werdenden Welt. Sie sind Mikronationen, zu denen man sich zugehörig fühlt. Sie vermitteln Sicherheit. Ein Eingriff in das Gefüge der Kommunen ist dementsprechend schwierig. Notwendig wird er aber immer öfter.

Denn viele Gemeinden schrumpfen. Die Jungen ziehen in die Stadt, wo es Arbeitsplätze, Kinos, Bars, Geschäfte, eine bessere Kinderbetreuung gibt. Das Land dünnt aus und überaltert. Es kann dann noch weniger Arbeitsplätze und Infrastruktur bieten. Auch die Gemeinde Afiesl haben zehn Prozent ihrer Einwohner in den vergangenen zehn Jahren verlassen, St. Stefan am Walde sechs Prozent. Ein Teufelskreis, der immer öfter die Fragen aufwirft: Ist das Konzept der Gemeinde noch zeitgemäß? Braucht es in Zeiten der Globalisierung und Vernetzung wirklich derart viele Verwaltungseinheiten? Wären die Kommunen nicht besser beraten, sich zu bündeln?

Vier Kinder in einer Schulstufe

Das Bundesland Oberösterreich hat 438 Gemeinden - die kleinste, Rutzenham, zählt 300, die größte, Bad Ischl, 14.000 Einwohner. Im Schnitt kommen auf einen Bürgermeister 3300 Bürger. Würde man dieses Verhältnis auf Wien umlegen, hätte die Bundeshauptstadt 551 Bezirke und ebenso viele Vorsteher - statt 23.