Kennen Sie Enrique Peñalosa? Der in den USA ausgebildete Volkswirt veränderte als Bürgermeister von Bogotá wie kein anderer die kolumbianische Acht-Millionen-Metropole, und das binnen weniger Jahre - in einem Land, dem man mit selbstgefälliger europäischer Geringschätzung eher Unregierbarkeit als Modellhaftigkeit attestieren würde.

Die Maxime seiner Politik ist die Verbesserung der Lebensverhältnisse möglichst aller Bürger. In einer Stadt, die zwar im Autoverkehr erstickte, in der sich der Großteil der Bewohner aber gar keinen eigenen Pkw leisten kann, galt ein weiterer Straßenausbau für Peñalosa als undemokratisch. Er entschied, einen Weltbankkredit für eine seit langem geplante Stadtautobahn "umzuwidmen" - und in der für den Autoverkehr freigehaltenen Trasse einen Fahrrad-Highway zu errichten.

Denn ein Rad kann sich so gut wie jeder Kolumbianer leisten. Und weil dieser "Highway für alle" deutlich weniger Geld in Anspruch nahm als das ursprünglich geplante Projekt, blieben noch genügend Mittel, um den Grünraum beiderseits dieser neuen Hauptverkehrsachse attraktiv zu gestalten - sowie entlang der Radschnellverbindung Schulen, Bibliotheken und andere öffentliche Einrichtungen zu errichten, die wiederum allen, nicht nur den Eliten zugute kommen. Und da die Kommune in ganz Bogotá noch weitere Maßnahmen zur Förderung des Radverkehrs ergriff, prägten die "Ciclistas" bald allenthalben das Stadtbild.

Eine weitere Säule der "Demokratisierung" des Stadtverkehrs ist das "TransMilenio-Busway"-System, für das Peñalosa auf den Bau eines teuren, erst langfristig realisierbaren und doch nie flächendeckend wirksamen U-Bahn-Systems fürs Erste verzichtete.

Kurzfristig und quasi kostenlos möglich hingegen war es, dem Autoverkehr selbst auf den Autobahnen Bogotás ganze Fahrspuren zu entziehen, um dem öffentlichen Verkehr in dichtem Takt - vorbei an den tagtäglichen Staus - freie Fahrt durch den Ballungsraum zu ermöglichen.

Ohne grundlegende Reformen auf übergeordneter politischer Ebene wird es kaum gelingen, die Probleme der Städte und Gemeinden zu lösen. - © Reinhard Seiß
Ohne grundlegende Reformen auf übergeordneter politischer Ebene wird es kaum gelingen, die Probleme der Städte und Gemeinden zu lösen. - © Reinhard Seiß

Eine beschämende Bilanz

So wie für das Recht auf leistbare Mobilität engagiert sich der Bürgermeister auch für das Recht auf einen lebenswerten öffentlichen Raum - weshalb neben dem neuen Radwegenetz auch hunderte Kilometer neuer Gehwege, zahlreiche Fußgängerzonen, Grünanlagen und Parks entstanden sind, die den Bürgern ihre Stadt ein Stück weit zurückgeben. Es würde hier zu weit führen, auf alle Maßnahmen des charismatischen Kommunalpolitikers - sei es das Pflanzen von über 100.000 Bäumen, sei es die Stärkung der Bürgerbeteiligung insbesondere in benachteiligten Vierteln - im Detail einzugehen. Klar wird aber: Stellt man sie dem Wirken der meisten heimischen Stadtväter gegenüber, fällt die Bilanz beschämend aus. Für die meisten österreichischen Stadtregierungen, wohlgemerkt, die im Fall durchgreifender Reformen vergleichsweise geringe Widerstände zu gewärtigen hätten. Denn während in Kolumbien sogar schon Fußballer für ein Eigentor hingerichtet wurden, würden hiesige Politiker bei einem grundlegenden Wandel der Stadtentwicklung höchstens die Freundschaft einiger Wirtschaftskapitäne oder Zeitungsherausgeber verlieren.

Reinhard Seiß ist Stadtplaner, Filmemacher und Fachpublizist sowie Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung. - © URBAN+
Reinhard Seiß ist Stadtplaner, Filmemacher und Fachpublizist sowie Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung. - © URBAN+