Zwar verkünden auch viele heimische Entscheider in ihren unverbindlichen Konzepten die ehrgeizigsten Vorsätze zur Verkehrs- und Energiewende, für eine grüne Stadt der kurzen Wege und eine urbane, nachhaltige Entwicklung. Nennenswerte oder gar systemverändernde Maßnahmen aber werden selten genannt und folglich kaum ergriffen. Mit ihren faktischen Projektentscheidungen konterkarieren so manche Politiker mitunter ihre eigenen Zielsetzungen: So lässt sich das rot-grüne Wien vom Bund eine Schnellstraße durch den Nationalpark Donauauen bauen, das rot-blaue Linz eine Stadtautobahn bis ans Zentrum heran errichten - und das schwarz-blaue Graz will mit hunderten neuen Tiefgaragenplätzen in der historischen Altstadt entgegen allen Warnungen seiner Planer den Autoverkehr in die "Smart City" locken.

Konservative Innovation

Ihnen gegenüber stehen Kollegen wie Seouls ehemaliger Bürgermeister Lee Myung-bak, der in seiner Amtszeit nicht nur den öffentlichen Verkehr massiv ausweitete, sondern auch 300 Millionen Euro in die Hand nahm, um eine sechs Kilometer lange Stadtautobahn - nein, nicht zu bauen, sondern - abzureißen, das darunter seit den 60er Jahren begrabene Tal des Flusses Cheonggyecheon zu renaturieren und es den zehn Millionen Bewohnern als Grün- und Erholungsraum zurückzugeben.

Im Übrigen, ohne die Metropole dadurch in einen Verkehrsinfarkt zu hetzen. Lee war auch kein Grünpolitiker, sondern Konservativer, kein altgedienter Umweltschützer, sondern ehemaliger Direktor beim Automobilkonzern Hyundai - und wurde hernach nicht aus dem Amt gejagt, sondern zu Südkoreas Staatspräsidenten gewählt.

Die Liste weitblickender Bürgermeister ließe sich beliebig fortsetzen - und steht mittlerweile für zahlreiche zu Klassikern gewordene Best Practices der Planungspolitik. Man denke an São Paulo, wo Gilberto Kassab jegliche Außenwerbungen im bis dahin von Leuchtreklamen, Billboards, Plakaten und Laufschriften geprägten Stadtraum der 12-Millionen-Metropole verbieten ließ. Oder an Barcelona, wo die frühere Hausbesetzerin, Globalisierungskritikerin und Bürgeraktivistin Ada Colau seit 2015 die verkehrspolitische Neuausrichtung der katalanischen Kapitale als menschengerechte Großstadt vorantreibt. In mehreren Vierteln, sogenannten "Super Blocks", sind Autos nur noch zu Gast, lediglich Anwohner und lokale Wirtschaftstreibende dürfen zufahren - und das mit höchstens 10 km/h.

Die Nebenstraßen werden zu Spiel-, Kommunikations- und Aufenthaltsorten - und Kreuzungen zu Parks umgestaltet, die auch gegen sommerliche Überhitzung wirken. In den Hauptstraßen rund um die Super Blocks fahren öffentliche Verkehrsmittel, zudem bieten Car-Sharing-Fahrzeuge oder Radwege Alternativen zum privaten Pkw - und entlasten Stadt wie Klima. Nicht zuletzt werten diese Maßnahmen teils heruntergekommene Quartiere auf.

Shootingstars der Politik

Weltweit wurden Bürgermeister in den letzten Jahren zu Shooting Stars der Politik, mit Erfolgsbilanzen und Popularitätswerten, die für ihre Kollegen auf nationaler und regionaler Ebene längst illusorisch anmuten. Ihr Rezept: Handeln statt reden, und das im Sinne des Gemeinwohls.

Offenbar erlaubt die kommunale Ebene auch in schwierigen Ressorts, in denen man es scheinbar niemandem recht machen kann, also etwa Stadtentwicklung, Verkehr oder Klimaschutz, nach wie vor sachliche Entscheidungen und nachhaltige Problemlösungen - während die "hohe Politik" durch parteiinterne Interessen, Willfährigkeit gegenüber der Wirtschaft und zu große Bürgerferne bei all diesen Zukunftsfragen seit langem auf der Stelle tritt. Mit ihren Maßnahmen zeigen verantwortungsvolle Lokalpolitiker auf oft beeindruckende Weise vor, was auch auf übergeordneter Ebene zur Lösung gesamtstaatlicher, ja globaler Probleme dringend unternommen werden müsste.