Wer kennt sie nicht, die leerstehenden Geschäfte und Garageneinfahrten in den Gründerzeithäusern oder die toten Fassaden in den Erdgeschoßen der Stadtentwicklungsgebiete. Das widerspricht diametral dem Bild der lebendigen Stadt, die auf den Visualisierungen der Bautafeln gezeigt wird, auf denen Vielfalt und glückliche Menschen den Straßenraum beleben.

Der dänische Stadtplaner Jan Gehl, Vorreiter für die Schaffung vitaler Räume, beschreibt in dem Buch "Städte für Menschen" die Zusammenhänge: Die Frequenz alleine bringt keine Lebendigkeit, es braucht die Verweildauer der Menschen im öffentlichen Raum. Die Angebote in der Erdgeschoßzone sind elementar, nur ist es nicht möglich, diese Zonen überall mit Gastronomie und öffentlichen Nutzungen zu bespielen. Deshalb kommt den Übergangszonen vom Privaten ins Öffentliche eine wichtige Rolle zu.

Zwischenzonen als "durchlässiger Rand"

Caren Ohrhallinger ist Architektin, Prozessbegleiterin, Moderatorin und Mediatorin. Seit 2003 ist sie Partnerin und Geschäftsführerin bei nonconform, einem Büro für Architektur und Raumentwicklung mit mehreren Bürostandorten in Österreich und Deutschland. Sie ist Mitgründerin der partizipativen Planungsmethode nonconform ideenwerkstatt. - © Julia Puchegger
Caren Ohrhallinger ist Architektin, Prozessbegleiterin, Moderatorin und Mediatorin. Seit 2003 ist sie Partnerin und Geschäftsführerin bei nonconform, einem Büro für Architektur und Raumentwicklung mit mehreren Bürostandorten in Österreich und Deutschland. Sie ist Mitgründerin der partizipativen Planungsmethode nonconform ideenwerkstatt. - © Julia Puchegger

Jan Gehl nennt diesen Raum auch den "durchlässigen Rand". Er funktioniert wie ein Kreuzgang im Kloster: Befinde ich mich in meiner Zelle, will ich in Ruhe gelassen werden. Wandle ich im Kreuzgang auf und ab, so bin ich ansprechbar. In Wohnsiedlungen sind diese Zwischenzonen die Vorgärten, Eingangstreppen, Laubengänge: Hier entscheidet der Bewohner selbst, in welchem Ausmaß er sein Privates dem halböffentlichen Bereich öffnet. Wenn etwa zwei Stühle auf dem Laubengang vor der Eingangstür stehen, ist das ein Signal für die Nachbarn: Ich bin ansprechbar.

Der Wanderwürfel in Klagenfurt wurde aus ehemaligen Schultischen gestaltet. - © nonconform
Der Wanderwürfel in Klagenfurt wurde aus ehemaligen Schultischen gestaltet. - © nonconform

Die Struktur der Zinshäuser mit ihren Gangküchen hatte ebenfalls diese Eigenschaft: ein offenes Küchenfenster zum Gang, das Fehlen von Vorhängen - oder die Abschottung durch Jalousien. Die gemeinsame Nutzung der Wasserstelle am Gang, der Bassena, war zwar ein Konfliktherd, schuf aber auch Gemeinschaft. Der Soziologe Richard Sennett schreibt von der "alltäglichen gemeinsamen Aufgabe", in die Planer die Menschen verwickeln, und die "nach der in unserer Diskussion sozialer Unterschiede in der Stadt getroffenen Unterscheidung eher inklusiv als integrativ" ist.

Aneignung mit Verantwortungsübernahme

All diesen Dingen gemeinsam ist die Wahlmöglichkeit, sich im Privaten, im Öffentlichen oder in der Übergangszone aufzuhalten und diese durch kleine Interventionen wie "Tür auf" oder "Tür zu" oder Stühle, die rausgestellt werden, zu definieren: die Aneignung eines Stückes (halb)öffentlichen Raumes ins Halbprivate und die Kennzeichnung als "Meines". Diese Zonen werden von den "Aneignern" gepflegt, sie stehen in deren Verantwortung.