Wien. "Ich habe vollstes Verständnis." Wenn Wolfgang Retter über die Energiewirtschaft spricht, dann keineswegs einseitig. Bis heute kann er verstehen, dass ein Ort wie das Dorfertal bei Kals in Osttirol für Kraftwerksplaner und Ingenieure einen geradezu idealen Standort für ein Speicherkraftwerk darstellt. Der Ort Kals am Großglockner liegt auf 1300 Meter Seehöhe, am Talschluss beginnt die wildromantische Dabaklamm, durchflossen vom reißenden Kalserbach. Der Weg führt weiter ins noch 300 Meter höher gelegene Dorfertal. Dort mäandriert der Kalserbach in ursprünglicher und naturbelassener Weise, bildet Schwemminseln, auf denen äußerst seltene Pflanzen wie die deutsche Tamariske wachsen. Es ist einer der wenigen Orte, an denen diese vom Aussterben bedrohte Pflanzenart noch wild wächst.

Wäre es nach dem Tiroler Energieversorger Tiwag und der Tiroler Landesregierung gegangen, wäre diese Idylle heute der Grund eines gigantischen künstlichen Stausees. Dort, wo die Klamm sich erweitert und ins Dorfertal übergeht, würde eine 220 Meter hohe Staumauer stehen. Statt in der beschaulichen Klamm würde das Wasser in Druckleitungen über mehrere Stufen eine enorme Fallhöhe hinunter ins Tal, bis ins Dorf Matrei, zurücklegen und dort in den Kraftwerksturbinen Strom erzeugen. Die Klamm wäre verödet, die einzigartige Natur des Dorfertals wohl für immer verloren. Wären da nicht Wolfgang Retter und die Frauen von Kals gewesen.

Entscheidender Einsatz: Wolfgang Retter, seine Frau Erika, Theresia Hartig von den "Kalser Frauen" und Carl Manzano, ehemaliger Direktor des Nationalparks Donauauen (v. r. n. l.). - © Brunner Images/Philipp Brunner
Entscheidender Einsatz: Wolfgang Retter, seine Frau Erika, Theresia Hartig von den "Kalser Frauen" und Carl Manzano, ehemaliger Direktor des Nationalparks Donauauen (v. r. n. l.). - © Brunner Images/Philipp Brunner

Den gebürtigen Innsbrucker Naturschützer und promovierten Biologen verschlug es 1963 als Gymnasiallehrer und Erzieher in die Osttiroler Hauptstadt Lienz. Schon damals war Retter im Österreichischen Naturschutzbund aktiv. 1965 wurde Osttirol von einem desaströsen Hochwasser heimgesucht, im Zuge der Wiederaufbauarbeiten wurden alte Pläne für den Bau des großen Kraftwerksprojekts Dorfertal wieder aufgegriffen. 1971 beschloss die Tiroler Landesregierung unter Eduard Wallnöfer den Bau des Kraftwerks.

Zäher Widerstand

Nach und nach wurde den Osttirolern klar, was eine Realisierung des Projekts bedeutet hätte: "Auf knapp unter 1900 Metern wären alle Gletscherbäche gefasst und über das Prinzip der kommunizierenden Gefäße in das riesige Staubecken im Dorfertal geleitet worden", erinnert sich Retter. Die Almen wären verloren gewesen - umgekehrt wären zahlreiche Arbeitsplätze entstanden. Nicht alle im Tal teilten deshalb das Engagement des Naturschützers und seiner späteren Frau, die damals beschlossen, Widerstand gegen das Projekt zu leisten. Im März 1973 wurden die Pläne erstmals detaillierter veröffentlicht. Retters Gegendarstellung im "Osttiroler Boten" stellte den Startschuss für die Kampagnen der Naturschützer dar. Es sollte ein langwieriger, beschwerlicher Weg werden.