Vor allem die Kalser Jungbauern stellten sich gegen das Kraftwerksprojekt. Sie hatten gerade erst ihre Höfe übernommen, der Erzählung von Land und Verbund Gesellschaft, das Projekt würde den Tourismus fördern und Wohlstand bringen, schenkten sie keinen Glauben. Auf Initiative von Retter und seiner Frau gründeten die "Aufständischen" den "Verein Erholungslandschaft Osttirol", "so waren wir keine Privatpersonen mehr, sondern eine Rechtsperson", sagt Retter.

Über die Bezirke übte das Land Tirol massiven Druck auf die Kraftwerks-Kritiker aus. "Wenn man sich in die Lage von kleinen Gewerbetreibenden versetzt und bedenkt, wie eng hier die politischen Strukturen sind, kann man sich ungefähr vorstellen, was das bedeutete", sagt Retter. Unterstützung und wichtige Argumente kamen schließlich von der Akademie der Wissenschaften in Wien. Sie legte erstmals ein Landschaftsgutachten über die ökologischen Auswirkungen des Projekts vor, mit einem vernichtenden Urteil: Eine "nachhaltige Zerstörung des naturnahen Tourismus" sei zu erwarten. In der Folge, erzählt Retter, mischte neben der Energiewirtschaft und der Landespolitik einerseits und dem in Entstehung begriffenen Nationalpark andererseits noch eine weitere Gruppe mit: Die "Venediger Erschließungsgesellschaft" plante, riesige Tunnels durch die Venediger-Gruppe zu treiben, massenhaft sollten so Touristen auf den Berg gebracht werden. "Die haben sich um den Faktor 10 verkalkuliert", sagt Retter.

Streitbare "Kalser Frauen"

Die Projekte seien so groß gewesen, dass eine Auslastung mit Touristen nicht möglich gewesen sei. Der Alpenverein, sagt Retter, habe anfangs eine ambivalente Rolle gespielt, es habe auch Sektionen gegeben, die sich für das Kraftwerk ausgesprochen hätten. Der in der NS-Zeit erworbene große Grundbesitz in den Hohen Tauern aber stellte schließlich den Kern des werdenden Nationalparks dar.

Retter und seine Frau machten unbeirrt weiter. 1976 eröffnete Retter den Wasserschaupfad Umbalfälle. "50.000 Schilling Budget hatten wir damals", sagt er. Die Gemeinde Prägraten erkannte schnell, dass der Lehrpfad eine Werbewirkung erzielte und Touristen ins Tal lockte - aber eben auf die sanfte Weise, die sich die Osttiroler wünschten. Einen erneuten Anlauf des Tiroler Landeshauptmanns Alois Partl zum Kraftwerksbau im Jahre 1986 machten die "Kalser Frauen" zunichte - unterstützt von Umweltministerin Marilies Flemming, Nationalratspräsidentin Marga Hubinek und nicht zuletzt Landwirtschaftsminister Josef Riegler, der die Wasserrechtsverhandlung gezielt verzögert hatte. Für Wirtschaftsminister Robert Graf hatte das Projekt keine Priorität mehr, Kanzler Franz Vranitzky bestätigte das Nein. Am 30. März 1989 war das Projekt Speicherkraftwerk Dorfertal endgültig Geschichte.

Dieser Bericht erfolgte im Rahmen einer Pressereise des Vereins Nationalparks Austria.