Wien. Wir erleben ein Momentum in der politischen Klimadiskussion. Noch nie zuvor war der Rückenwind für ambitionierten Klimaschutz so stark wie derzeit. Noch nie zuvor sind so viele, insbesondere junge Menschen dafür auf die Straße gegangen. Erstmals war die Klimaveränderung eines der Topthemen in einem Wahlkampf wie die Wahltagsbefragung als auch Umfragen im Vorfeld der EU-Wahlen zeigen. Nicht nur in Österreich, sondern in vielen europäischen Staaten wird das Klimaschutzthema als eines der wichtigsten Anliegen von Wählern deklariert. Doch wie kann sie nun gelingen, die Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft im postfossilen Zeitalter?

Auch wenn der EU-Rat kürzlich noch knapp daran gescheitert ist, einen Konsens über das Erreichen von Klimaneutralität im Jahr 2050 als zentrales Ziel herzustellen, so ist klar, dass daran kein Weg vorbeiführen wird. Immer mehr Länder, Regionen und Städte verschreiben sich diesem Ziel. Auch Österreichs Bundeskanzlerin hat sich dazu bekannt. Klimaneutralität bedeutet, dass im Jahr 2050 keine zusätzlichen Treibhausgase in die Atmosphäre abgegeben werden, also ein Gleichgewicht zwischen Treibhausgasemissionen und -senken (etwa Wäldern, die CO2 binden) hergestellt wird und damit kein zusätzlicher menschgemachter Treibhausgaseffekt befördert wird.

Georg Günsberg ist Politikwissenschafter und klimapolitischer Berater in Wien sowie Autor fachlicher Publikationen wie etwa der seit 2014 erscheinenden Reihe "Faktencheck Energiewende". - © Robert Six
Georg Günsberg ist Politikwissenschafter und klimapolitischer Berater in Wien sowie Autor fachlicher Publikationen wie etwa der seit 2014 erscheinenden Reihe "Faktencheck Energiewende". - © Robert Six

Klar ist: Das Ziel der Klimaneutralität 2050 würde schon jetzt deutlichen Einfluss auf Maßnahmen haben und zu einer Anhebung der Treibhausgasreduktionsziele bis 2030 führen. Weitgehende Maßnahmen in allen Bereichen sind die Folge. Von der Mobilität über die Energieversorgung bis hin zum Bauen und Wohnen, aber auch bei der Frage, wie wir uns ernähren, was und wie wir konsumieren. Bei der Frage, wie wir diese Herausforderung bewältigen können, treffen oft zwei Denkweisen aufeinander. Während die einen meinen, dass nur durch neue Technologien eine deutliche Reduktion der Treibhausgase möglich sein wird, und alles in Forschung und Innovation zu investieren ist, sehen andere die Möglichkeit nur in einem Systemwandel, der bestehende Strukturen aufbricht und sich von systemimmanenten Funktionen wie höheres Wachstum, mehr Konsum und letztlich steigendem Energieverbrauch loslöst.

Warten wird sich nicht lohnen

Während die einen vom Durchbruch der Elektromobilität, von grünem Wasserstoff oder Gas, von CO2-Speichertechnologien und vom Siegeszug der erneuerbaren Energietechnologien reden, sehen andere dies als Verharren im System, das nichts ändert. Dabei muss angesichts der knappen Zeit klar sein, dass es beide Ansätze brauchen wird, um die Transformation in eine klimafreundliche Gesellschaft zu schaffen. Salopp gesagt: Wir werden in den kommenden elf Jahren weder den Kapitalismus abschaffen noch haben wir Zeit, auf neue Technologien zu warten. Eine Neuorientierung zur Bekämpfung der Klimakrise braucht es auf allen Ebenen.