Man kann den notwendigen Wandel an Hand von drei Begriffen durchdeklinieren: Struktur, Kultur und Technologie. Wer glaubt, beim Verkehr, dessen Treibhausgasemissionen in Österreich derzeit um über 70 Prozent höher als im Jahr 1990 sind, darauf warten zu können, dass die gesamte Fahrzeugflotte elektrifiziert wird oder Wasserstoff als Energieträger Benzin und Diesel ablösen wird, wird beim Klimaschutz scheitern. Immer mehr Fahrzeuge und Personenkilometer, größere Autos, steigender Energiebedarf, und letztlich der Infrastrukturbedarf machen die erzielten Emissionseinsparungen wett. Autohersteller haben den Trend zu immer größeren Pkw selbst forciert und maßgeblich dazu beigetragen, deren Käufer jedoch ebenso. Laut VCÖ wurde in den Jahren 2000 bis 2017 das durchschnittliche Gewicht von Pkw-Neuzulassungen bei Benzinern um 14 Prozent und bei Diesel-Pkw um 21 Prozent gesteigert. Hier kommt neben der Struktur auch die Kultur ins Spiel. Wenn die fossile Industrie laufend Anreize in Richtung treibhausgasintensiver Lebensstile schafft, verfestigt sich die Abhängigkeit vieler Menschen. Verhaltensänderungen sind nur sehr langsam durch moralische Appelle zu erzielen. Wer aber zugleich meint, auf neue, effektivere Antriebstechnologien auch im Bereich Individualmobilität verzichten zu können, wird ebenso scheitern, da das Loslösen von verfestigten Strukturen und Kulturen zu viel Zeit in Anspruch nimmt.

Die Probleme der Peripherie

Um dem Ziel der Klimaneutralität gerecht zu werden, braucht es die Infrastrukturen der Zukunft, die umweltfreundliche Verkehrsträger forciert und klimaschädliche Verkehrsträger zurückdrängt (Stichwort Dritte Piste, neue Autobahnen). Es braucht ein Steuersystem, das die Kosten der Umweltzerstörung im Preis widerspiegelt, und Anreize schafft, umzusteigen. Und es braucht sowohl Modelle, die eine neue Mobilitätskultur forcieren als auch jene weiter entwickelten Technologien und Innovationen, die im Wesentlichen künftig ohne fossile Energie Mobilität in hoher Qualität ermöglichen. Dazu werden auch Elektroautos uns andere Antriebstechnologien gehören, deren Nutzung ebenso durch das veränderte Laden (Tanken) einer Umgewöhnung bedarf.

Regionen, Städte und Gemeinden sind sehr wichtige Akteure, wenn es um die Umsetzung des klimapolitischen Wandels geht. Sie sind für die Infrastruktur mitverantwortlich (Straßen, Öffentlicher Raum, oft auch Energie), haben zugleich meist den direkteren Draht zu den Bürgerinnen und Bürgern und können Verhalten mitbeeinflussen. Die Art, wie Raumstrukturen gestaltet sind, auch im Verhältnis Stadt-(Um)land, sind in allen Klimastrategien zu berücksichtigen und immer noch unterschätzt.

Am Beispiel der Mobilität erkennt man die Unterschiede: Je dichter die Siedlungsstruktur ist, desto geringer ist der Pkw-Motorisierungsgrad. Periphere Bezirke haben aufgrund des meist schlechteren Angebots an öffentlichem Verkehr einen höheren Pkw-Anteil. Während in Wien die Anzahl der Pkw je 1000 Personen seit 2005 zurückgegangen ist, ist sie in peripheren Bezirken um 19 Prozent gestiegen. In zentral gelegenen Geschoßwohnbauten wird in Österreich pro Haushalt inklusive Verkehr rund halb so viel Energie benötigt wie in Einfamilienhäusern im Umland. Auch hier braucht es eine Vielfalt an Modellen und Lösungsansätzen.

Die Energieversorgung ist auch ein gutes Beispiel. Die deutlich günstiger gewordenen erneuerbaren Energietechnologien sorgen global für starke Wachstumszahlen; in Österreich ist die Dynamik bei der Marktentwicklung leider schwach, wie der kürzlich vorgestellte Marktbericht "Innovative Energietechnologien" zeigt. Auch hier gilt: Steigt der Energiebedarf unaufhörlich, können die wachsenden erneuerbaren Energien kaum das Wachstum des globalen Energiebedarfs abdecken.

Die Zeit läuft davon

Sowohl im urbanen Raum als auch im ländlichen Raum kommen in Österreich viele zukunftsfähige Lösungen zum Einsatz. Von Plusenergiegebäuden auf Basis erneuerbarer Energie, über Speicherung und Flexibilität in Gebäuden mit Bauteilaktivierung, Energieverbünden, in denen die Abwärme aus der Nachbarschaft mitgenutzt wird. Sowohl die zentral versorgten großen Energieverbraucher wie die Stadt Wien als auch der oft dezentral versorgte ländliche Raum entwickeln Lösungen, aber die Zeit läuft davon, wenn die politischen Rahmenbedingungen nicht deren Implementierung forcieren und der Flächenfraß durch neue Gebäude und Verkehrsflächen Ressourcen unaufhörlich vernichtet. Ein angemessener CO2-Preis und ein regulativer Rahmen, der das Ziel der Klimaneutralität klar verankert, sind daher entscheidend.