"Klimanotstand!" Immer mehr Staaten und Städte steigen auf die Barrikaden und greifen zu drastischen Maßnahmen. Nach "Heißzeit" im vorigen Jahr hat der Begriff "Klimanotstand" beste Aussichten auf das Wort des Jahres 2019. Er bedeutet das Eingeständnis, dass bisher ergriffene Maßnahmen nicht ausreichen, um die Klimakrise zu begrenzen.

Als erstes Land in Europa hat Frankreich inmitten der Hitzewelle im Juni den Umwelt- und Klimanotstand ausgerufen. Vorarlberg folgte als erstes Bundesland in einem deutschsprachigen Land nur wenige Wochen später. Die Klimabewegung "Fridays for Future" fordert einen bundesweiten Klimanotstand. Auf einen erklärten Notstand müssen jedoch entsprechende Erlasse folgen, die mit dem Modell der Demokratie nicht vereinbar wären. Gibt es noch eine Alternative zum "Öko-Überwachungsstaat"?

Die Folgen des Klimawandels zwingen in den nächsten Jahren vor allem die Städte zur Anpassung ihrer Politik. Und das nicht nur im Süden der Welt, in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Eine neue Studie der ETH Zürich prognostiziert für das Jahr 2050 einen Anstieg der durchschnittlichen Temperaturen in Europas Städten um bis zu 4 Grad im Sommer und 5 Grad im Winter. Fast 80 Prozent der 520 größten Städte weltweit werden einen extremen Klimawandel erleben. Berlin wird zu Madrid, London zu Barcelona, Wien zu Istanbul und Madrid zu Marrakesch.

Daniel Dettling leitet den Berliner Standort des Zukunftsinstituts (www.zukunftsinstitut.de) Das Institut gehört zu den führenden auf dem Gebiet der Trend- und Zukunftsforschung im deutschsprachigen Raum. - © Edgard Rodtmann
Daniel Dettling leitet den Berliner Standort des Zukunftsinstituts (www.zukunftsinstitut.de) Das Institut gehört zu den führenden auf dem Gebiet der Trend- und Zukunftsforschung im deutschsprachigen Raum. - © Edgard Rodtmann

Die Studie geht davon aus, dass in etwa einem Fünftel der globalen Megastädte ein Klima herrschen wird, wie es bisher in keiner Großstadt der Fall ist. Weltweit leben immer mehr Menschen in Städten und urbanen Ballungsgebieten, bald 80 Prozent der Bevölkerung, in Deutschland sind es heute bereits drei Viertel.

Die Wende entscheidet
sich in den Städten

Vor allem die globalen Megastädte fühlen sich durch den Klimawandel bedroht. Sie sind motivierter, das globale Problem zu lösen, weil sie schneller sein Opfer werden können. 90 Prozent der Städte weltweit liegen an einem Gewässer (Meer, See, Fluss). Mit drastischen Worten beschreibt der Bürgermeister der englischen Hauptstadt die Lage: "Die Luft in London ist ein Killer."

Die schlechte Luftqualität gilt heute als das größte Umwelt- und Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung. In den USA ist dem Ausstieg von Präsident Donald Trump aus dem globalen Klimaabkommen keine Stadt gefolgt. Staaten wie Kalifornien betreiben längst eine eigene Klimapolitik. Der Klimawandel hat urbane Ursachen und globale Folgen: 80 Prozent der CO2-Emissionen kommen aus den Städten.