Alles, was wichtig war, war einst im Zentrum zu finden: Rathaus, Schulen, Kirche, Gastronomie, Ärzte, Rechtsanwälte, Apotheken, Nahversorger, Spezialgeschäfte, Gastronomie. . . Die Liste dieser Einrichtungen war - je nach Bedeutung des Ortes - unterschiedlich lang. Eines kam aber immer zum Ausdruck: Das Ortszentrum ist nicht nur geografischer, sondern vor allem funktioneller Mittelpunkt der Ortschaft. Dadurch wurde das Ortszentrum auch zum attraktiven Wohnstandort. Wer im Zentrum war, hatte, wie man damals sagte, eine "gute Adresse".

Solche guten Adressen verpflichten den Bauherrn und so wurde die Bedeutung des Standortes auch optisch durch sorgfältig gestaltete Architektur zum Ausdruck gebracht. Das ist das Geheimnis für die besondere Atmosphäre, welche Ortskerne ausstrahlen können. Auch heute noch, obwohl viele von ihnen recht geisterhaft geworden sind: Leere Auslagen ehemaliger Geschäfte gähnen in die still gewordenen Straßen, die Fassaden unbenutzter Häuser blättern ab und werden löchrig, verblichene Schilder ehemaliger Gaststätten erinnern an bessere Zeiten.

Alles an die Peripherie

In Bruck/Mur ist die Fußgängerzone in der Mittergasse belebt, ringsum ist jedoch Leerstand zu einem Problem geworden. - © Rosner
In Bruck/Mur ist die Fußgängerzone in der Mittergasse belebt, ringsum ist jedoch Leerstand zu einem Problem geworden. - © Rosner

Und wer hier Dienstleister erwartet, sucht am falschen Standort. Er muss am Ortsrand suchen. Denn dort, in der Peripherie, drehen sich die Baukräne und surren die Betonmischmaschinen. Dort entsteht, was einst dem Zentrum vorbehalten war: Geschäfte (aber nun mit riesigen Parkplätzen), Pizzaläden, Dienstleistungsbetriebe, Büros, sogar Kindergärten und Schulen.

Die Frage nach der Ursache offenbart ein klassisches Raumordnungsproblem: Was auf privater Ebene Vorteile bringt, kann auf Ebene des öffentlichen Interesses erhebliche Nachteile verursachen.

Die Vorteile: Am Ortsrand ist mehr Platz und der Grund ist günstiger. Anders als bei der geschlossenen Bebauung des Ortskerns sind Baumaßnahmen hier auch einfacher, schneller und damit billiger. Und da es kein einheitliches Ortsbild gibt, ist die Gestaltungsfreiheit zudem kaum eingeschränkt. Der größte Vorteil ist aber, dass auf jedem Grundstück eigene Parkplätze errichtet werden können. Alle Nutzungen lassen sich gut auf das Auto abstimmen. Und das ist auch gleich der erste Nachteil: Ohne Auto funktioniert kaum mehr etwas. Das bringt mehr hausgemachten Verkehr mit all seinen Platzansprüchen, Umweltproblemen und finanziellen Belastungen, weil die Verkehrsanlagen - wie übrigens auch die sonstigen Infrastruktureinrichtungen - ständig erweitert werden müssen.