Haslach im Mühlviertel ist das passiert, was in den kommenden Jahren landesweit noch vielen Gemeinden passieren wird. Einer von zwei niedergelassenen Allgemeinmedizinern hat das Pensionsalter erreicht, den Kassenvertrag zurückgelegt und seine Praxis geschlossen. Nachfolger? Nicht in Sicht. "Wir versorgen jetzt von Haslach aus 5000 Einwohner, und das mit nur einem Arzt", erzählt Erwin Rebhandl, der vorerst einzig verbliebene Hausarzt im Ort.

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Zwar gibt es derzeit so viele Allgemeinmediziner wie noch nie, laut Statistik Austria sind es 14.275, die Altersstruktur bedingt jedoch, dass bis 2020 knapp ein Drittel davon in Pension gehen wird. Bis 2030 ist damit zu rechnen, dass fast drei Viertel nicht mehr arbeiten werden. Bereits jetzt ergeht es einigen Gemeinden wie Haslach, wie Helmut Mödlhammer, Präsident des Gemeindebundes, sagt. "Es häufen sich die Fälle, in denen offene Kassenstellen mehrfach ausgeschrieben werden müssen und sich oft kein einziger Bewerber dafür findet."

Der Gemeinde Haslach ist es am Ende doch gelungen. Es hat sich jemand gefunden, ein Arzt aus Linz, der allerdings auch aus der Region stammt. Das ist grundsätzlich förderlich. Doch im konkreten Fall war es nicht der einzige Grund. Denn die beiden Kassenstellen für Allgemeinmedizin in der Gemeinde im Mühlviertel werden zusammengelegt und zu einem Primärversorgungszentrum, das im kommenden Jahr eröffnen wird. Dafür saniert die Gemeinde ein in ihrem Besitz stehendes Haus und richtet die neue Gruppenpraxis ein, wobei das Land Oberösterreich einen Teil der Mehrkosten übernimmt.

Neben den zwei Allgemeinmedizinern sollen in einem Jahr auch zwei Diplomkrankenschwestern, ein Physiotherapeut, ein Logopäde und ein Psychologe in der Praxis arbeiten - alles unter einem Dach. Erst durch dieses Projekt, das Rebhandl selbst intensiv betrieben hat, sei es gelungen, die freie Kassenstelle nachzubesetzen, wie er sagt: "Das sind attraktivere Arbeitsbedingungen."

Unzweifelhaft haben sich die Bedürfnisse der (jungen) Ärzte in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten verändert. Früher, da gab es den klassischen Landarzt, dessen Ehefrau die Praxis administrativ schupfte. Wochenarbeitszeiten jenseits der 60 Stunden waren keine Seltenheit, und praktisch rund um die Uhr musste "der Herr Doktor" erreichbar sein und bei Notfällen ausrücken. Wer die Wahl hat, wählt diesen Job heutzutage nicht mehr.

"Brauchen innovative Formen"

Und das spüren auch die Bürgermeister, wie eine Umfrage von Kommunalnet.at belegt. Die Zufriedenheit mit der Gesundheitsversorgung ist zwar groß, allerdings sehen mehr als die Hälfte der Gemeinden bereits Probleme. Rund 60 Prozent (n=1500) erachten ein Primärversorgungszentrum als sinnvoll und wären bereit - wie in Haslach - unterstützend einzugreifen. Das Thema der Primärversorgung (oder Primary Health Care) ist allerdings zu einem Politikum geworden, wobei es hier in erster Linie um die gesetzliche Ausgestaltung und ihre möglichen Folgen geht. Dass im niedergelassenen Bereich neue Formen nötig sind und aktiv nachgefragt werden, ist Konsens. "Wir brauchen diese innovativen Formen, wir brauchen diese Zentren, da es einen Wandel gegeben hat", sagt Christoph Dachs, Allgemeinmediziner in Hallein und Präsident der Ögam, der Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin. Auch Dachs arbeitet in seiner Praxis in einem größeren, interdisziplinären Team.

Im Idealfall kommen Ordinationen dieser Art beiden Seiten zugute, den Ärzten und den Patienten. "Die Jungen wollen einfach in Teams arbeiten", sagt Dietmar Baumgartner, Kinderarzt in Wiener Neustadt. Man kann sich austauschen, die Belastung wird auf mehrere Schultern verteilt, und für die Patienten sind längere Öffnungszeiten der primäre Benefit, zudem hat ein interdisziplinäres Team seine Vorteile.

Es gibt freilich auch Bedenken von der Ärzteschaft. Sie fürchtet, dass Einzelärzte verdrängt werden könnten. "Wenn wir größere Einheiten bauen wollen, müssen sie in Größe begrenzt werden. In Finnland haben sie solche Einheiten und läuft alles vollkommen anonymisiert ab", sagt Dachs. Und das will eigentlich niemand. Primärversorgung bedeutet jedoch nicht ausschließlich größere Zentren. Auch Netzwerke fallen hinein, die dann zum Beispiel in zwei oder drei kleinen Gemeinden ordinieren könnten.

Die Probleme im landärztlichen Bereich sind aber vielschichtig, wie Dachs erklärt- und es beginnt wohl bei der Ausbildung, in der die Allgemeinmedizin nur Randthema ist. "Das ist ein großes Versäumnis", sagt Artur Wechselberger, Präsident der Ärztekammer. Erst seit heuer ist es für angehende Allgemeinmediziner Pflicht, ein halbes Jahr in einer Lehrpraxis zu verbringen. Auch Dachs bietet dies an.

Auch Facharztstellen betroffen

Auffallend ist, dass die Schwierigkeiten bei Nachbesetzungen von frei gewordenen Kassenstellen nicht nur die Allgemeinmedizin betrifft, sondern auch einige Fachrichtungen. Und dass nicht nur im ländlichen Bereich. "Sogar in Bezirkshauptstädten können sie in Tirol nicht besetzt werden, in Lienz, Kufstein und Schwaz sind Stellen offen", sagt Wechselberger. Er nimmt auch einen generellen Trend weg vom Kassenbereich wahr. "Es gibt Einschränkungen durch den Kassenvertrag, es gibt Report- und Rechtsfertigungspflichten, jede Menge Auflagen. Offenbar wiegen diese Nachteile die Vorteile auf."

Wer eine Kassenpraxis übernimmt, hat doch ein größeres Maß an Sicherheit, das ist eben der Vorteil - meistens zumindest. Bei Kinderärzten ist dies nicht unbedingt der Fall, wie Baumgartner sagt. "Mutter-Kind-Leistungen werden auch bei Wahlärzten zur Gänze refundiert." Und so gibt es in Wiener Neustadt nun drei Wahlärzte für Kinderheilkunde und drei Kassenärzte, Baumgartner ist einer von ihnen. Noch. Denn der Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte wird in zwei Jahren selbst in Pension gehen, eine Kollegin bereits im kommenden März und der dritte Kollege im Jahr 2018. Nachfolger gibt es nur in einem Fall - und das in Wiener Neustadt. "Die Einkommenssituation ist unbefriedigend", sagt Baumgartner. Kinderärzte werden ähnlich entlohnt wie Allgemeinmediziner. "Mit ihnen matchen wir uns um den letzten Platz", sagt Dachs. Aber mehr Geld? Das wird es in Zukunft wohl kaum spielen.