- © apa/EXPA/Martin Huber
© apa/EXPA/Martin Huber

Wien. An einem kalten Dezembermorgen schlängelt sich ein Auto nach dem anderen auf den Parkplatz des Formel-1-Rings in Spielberg. Dabei liegt der Ring heute still, die Anreisenden wollen ganz woanders hin. Durch einen Tunnel unter der Rennstrecke hindurch und einen Serpentinenweg den Hang hinauf gelangen sie zur Pfarre Schönberg ob Knittelfeld.

In der kleinen Kapelle mit Zwiebeltürmchen steht Pfarrer Bartlomiej Lukasz Wojtyczka hinter dem Altar. Um 8.30 Uhr in der Früh haben sich rund 50 Gläubige in der Kirche eingefunden und lauschen seiner Predigt. Lediglich die beheizten Sitzauflagen helfen, der Kälte zu trotzen. Dann kommen die Fürbitten: "Wir bitten für die beiden Präsidentschaftskandidaten, für die Wähler und für die Menschen, die mit der Durchführung der Wahl beauftragt sind", sagt Wojtyczka ernst. "Wir bitten dich, erhöre uns!", antwortet die Gemeinde.

Der Priester Bartlomiej Lukasz Wojtyczka kommt aus Polen und leitet die Pfarre in Schönberg ob Knittelfeld in der Steiermark. "Wir erleben eine Individualisierung der Gesellschaft, auf die die kirchlichen Strukturen nicht ausgelegt sind. Die Pfarrer waren früher bei jedem Sautreiben dabei, das hat die Gemeinde auch ausgemacht", sagt er. - © Levin Wotke
Der Priester Bartlomiej Lukasz Wojtyczka kommt aus Polen und leitet die Pfarre in Schönberg ob Knittelfeld in der Steiermark. "Wir erleben eine Individualisierung der Gesellschaft, auf die die kirchlichen Strukturen nicht ausgelegt sind. Die Pfarrer waren früher bei jedem Sautreiben dabei, das hat die Gemeinde auch ausgemacht", sagt er. - © Levin Wotke

Wojtyczka stammt ursprünglich aus Katowice, hat sich aber in den vergangenen 15 Jahren in Österreich eingelebt. Er ist keine Ausnahme: In den Diözesen und Orden Österreichs spielen ausländische Priester eine wichtige Rolle. In manchen Gemeinden ist es eine willkommene Hilfe, um die Arbeit der Pfarren zu erfüllen, andere sagen, die Kirche als internationale Organisation lebe schlichtweg vom Austausch. Eines jedoch ist klar: Würden die nicht aus Österreich stammenden Priester gemeinsam ihre Koffer packen, hätten viele Gemeinden ein Problem.

Der gesamtösterreichische Blick gibt Aufschluss über die Anzahl der Priester im Bundesgebiet. Einfach ist es aber nicht, herauszufinden, woher die Geistlichen kommen. Priester aus nicht-österreichischen Diözesen sind zwar noch leicht zu finden, doch welche Staatsbürgerschaft Priester von Diözesen besitzen, wird nicht erfasst. Eines ist aber festzustellen: Während die Zahl der Diözesanpriester von 2407 im Jahr 2005 auf 2186 im Jahr 2014 sank, ging jene der Weltpriester, die in Österreich wirken, aber aus ausländischen Diözesen stammen, nur von 350 auf 347 zurück. Dazu kommen noch rund 1500 Ordenspriester aus dem In- und Ausland, sie werden aber gesondert erfasst.

Ausländische Orden
profitieren vom Austausch

Lukasz Wojtyczka hält sich in der Statistik versteckt. "Die meisten sind schon etliche Jahre Priester, wenn sie nach Österreich kommen", erzählt er. Sein eigener Weg nach Spielberg war verworrener. Für den 37-jährigen Polen war es zunächst gar nicht klar, dass er Priester werden würde. In der Schulzeit brachten ihn seine Neugierde und sein Interesse an Sprachen dazu, sich intensiv mit Englisch zu beschäftigen, er überlegte, Englischlehrer zu werden.

Seine Familie war "durchschnittlich fromm", nicht streng katholisch. Noch in der Schule begann er dann, sich für Franz von Assisi zu begeistern, und trat schließlich nach der Schule in den Franziskanerorden ein. Als ein Pfarrer aus den USA zu Besuch in seine Pfarre kam, wurde er vom Leiter der Ordensprovinz gebeten, ihn wegen seiner Sprachkenntnisse zu begleiten. Von seinen Fähigkeiten begeistert, fragte ihn der Provinzial, ob er denn nicht auch so gut Deutsch lernen könnte.

Er wusste von Ordensprovinzen in Österreich und Deutschland, die zu wenige Leute hatten, um die Klöster zu besetzen. "Dann steht man natürlich vor der Entscheidung: Schließen wir die Pfarre? Oder wir müssen Leute finden, die hier leben und die Pfarre betreuen", sagt Wojtyczka. Der Austausch war ein Gewinn für beide Seiten: Die österreichischen Provinzen konnten ihre Klöster weiter betreiben. Die polnischen Orden profitierten unter anderem dadurch, dass ein Teil des Gehalts in die Ordenskasse nach Polen fließt. Also machte sich der junge Wojtyczka im Jahr 2001 auf den Weg nach Graz.

In Österreich wird
nicht gebeichtet

Nach dem Gottesdienst in Schönberg hat sich der Pfarrer umgezogen, seine violette Stola und das Messgewand abgelegt. Lediglich der kleine weiße Kragen im Hemd zeugt noch von seiner Berufung. Er steigt in sein Auto und fährt wenige hundert Meter zum nächsten Gasthof, wo er sich ein paar Tische neben den Kirchenbesuchern niederlässt. Dass er überhaupt Zeit dazu hat, ist eine Ausnahme. An den meisten Sonntagen wäre er jetzt schon unterwegs zum nächsten Gottesdienst in einer anderen der von ihm betreuten Pfarren.

Nachdem Wojtyczka nach Graz gekommen war, verbrachte er zwei Jahre im Orden, 2003 trat er dort aus und ging ins Priesterseminar. Sein Leben schien ihm zu sehr auf die Klostergemeinschaft mit ihren festen Gebetszeiten und fixen Mahlzeiten beschränkt. Der Wunsch nach Unabhängigkeit wurde stärker und die Bereitschaft, das Leben nach einem fixen Schema zu richten, schwand. "Wenn das nicht mehr da ist, muss man sich fragen: Was mache ich noch in einem Kloster?" Seine Antwort war einfach: Es verlassen. 2007 wurde Wojtyczka dann Priester der Diözese Graz-Seckau. Während seiner Studienzeit war neben der religiösen Ausbildung auch die Sprache ein wichtiger Faktor. Diese sieht er als die zentrale Voraussetzung für seine Arbeit. Aber auch ein kulturelles Verständnis und ein "geistliches Profil" - ein Wissen über die Unterschiede in der Seelsorgearbeit - seien wichtig.