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Bis in die 1960er Jahre war die Geschäftsstruktur im Bereich der Nahversorgung ziemlich stabil. Unzählige kleine und kleinste Geschäfte standen für den Konsumenten bereit. Unter ihnen war der Greißler der König. Während die anderen nur ein sehr eingeschränktes Sortiment hatten (zum Beispiel Obst und Gemüse), war er der Generalist. Er hatte in brauchbarer Qualität alles für den täglichen Bedarf.

Für exquisite Auswahl und allerfeinste Qualität gab es in den Ortskernen und Einkaufsstraßen Spezialgeschäfte, da musste und wollte er gar nicht mithalten. Sein größter Vorzug war die Nähe zum Konsumenten: Der Greißler war meist nur wenige Schritte von der Wohnung seiner Kunden entfernt. Und das musste er auch sein, denn eingekauft wurde damals zu Fuß und täglich, oft sogar mehrmals täglich. Der Greißler kannte seine Kunden, und die Kunden schätzten ihn. Durch dieses Vertrauensverhältnis war es - lange vor der Erfindung von Scheckkarten und Bankomatkassen - möglich, beim Greißler bargeldlos einzukaufen. Die Beträge wurden aufgeschrieben und zum Monatswechsel bezahlt.

Dass sich dieses eingespielte System eines Tages änderte, lag an drei Ursachen: der stärkeren Kaufkraft der Konsumenten, der beginnenden Motorisierung der Haushalte und der allgemeinen Verbreitung des Kühlschranks. In den 1960er Jahren waren die Folgen des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegsjahre überwunden, die Konjunktur sprang an und die Haushalte hatten mehr Geld. Immer mehr konnten sich nun ein Auto leisten. Damit konnte der Konsument für den Einkauf auf Entfernungen ausweichen, die er zuvor zu Fuß nicht geschafft hätte. Der Kühlschrank ermöglichte nun auch für leicht verderbliche Güter den Einkauf auf Vorrat; damit wurde die Wohnung zum Warenlager und anstelle des kleinen täglichen Einkaufs trat der wöchentliche Großeinkauf.

Der erforderte aber auch größere Geschäfte und so entstanden die ersten Selbstbedienungsläden. Diese konnten aufgrund eines rationelleren Betriebskonzeptes und einer größeren Umsatzmenge etwas erreichen, was der Greißler nie zustande gebracht hätte, nämlich die gleichen Waren wesentlich billiger anzubieten. Was nun einsetzte, war ein Preiskampf, der bis heute anhält. Wer hier nicht mithalten konnte, dem blieben die Kunden weg. Und nun zeigte sich schnell, dass jene Verherrlichung, welche die Figur des Greißlers in Film und Literatur erhalten hatte, nur ein Klischee war.