Im schweizerischen Niederöst stand ein einfaches, unscheinbares Holzhaus, das allerdings bereits im Jahr 1176 errichtet wurde und damit das älteste Holzhaus Europas war. Im Jahr 2001 wurde es abgetragen. Eine der Begründungen für den Abbruch war, dass dieses Haus nicht mehr energieeffizient sei. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Ein Haus, das unfassbare 825 Jahre lang bewohnt wurde, war plötzlich nicht mehr tauglich!

Das Schicksal des Hauses Niederöst ist kein Einzelfall. Über Nacht waren nämlich alle massebasierten Altbauten - circa 25 Prozent des Hausbestandes - nicht mehr energieeffizient. Überall wird daher der Altbestand aufgegeben. Der Grund dafür liegt in einer Vorschriftenwelt, die festschreibt, dass massebasierte Altbestände plötzlich energieuntauglich seien. Eine Ertüchtigung dieser Altbauten ist teurer als ein Neubau. Auch die Förderungen für das Sanieren liegen in der Regel weit unter dem Neubau. Handwerker, die Altbauten kostengünstig reparieren könnten, gibt es auch immer seltener.

"Entdämmt Euch!",
"Entdämmt Euch!",

Gedämmte Altbauten verlieren auch in der Regel ihr Erscheinungsbild, das zum großen Teil von natürlichen Materialien und von deren Proportionen bestimmt wird. Ganze Straßenzüge verlieren so ihre kulturellen Identitäten. Im Betrieb solcherart verbesserter Gebäude entstehen Schwierigkeiten ungeahnter Art: Gebäude, die über lange Zeit, vielleicht über Jahrhunderte hindurch tüchtig waren, haben plötzlich massive Schimmelprobleme und lassen sich nicht mehr vernünftig lüften. Die erwünschten Heiz- und Betriebskosten sinken nicht, sondern steigen manchmal sogar, abgesehen vom großen, finanziellen Aufwand, den die Eigentümer zuvor mit dem Sanieren hatten.

Vom Solarhaus zum Iglu

Neue Bauwerke müssen, egal, woraus sie gebaut sind, niedrige Energiekennzahlen aufweisen. Das heißt in der Regel: gedämmt werden. Es gibt diverse Dämmmaterialien, aber der Ausgangsstoff des mit Abstand am häufigsten verwendeten Materials ist aufgeschäumtes und zu Blöcken verbackenes Polystyrolgranulat, das zu Wärmedämm-Verbundsystemen (WDVS) verbunden ist.

Wie kam es zu diesem Paradigmenwechsel in der Geschichte des Bauens? Die Ölkrise der Siebziger Jahre und die Warnungen des "Club of Rome" vor einer unbegrenzten Industrialisierung schufen eine weltweite Umweltbewegung. Das Solarhaus - eine Erfindung kalifornischer Hippies aus den 1960er Jahren - trat einen raschen Siegeszug über die westliche Hemisphäre an. Aus dem Solarhaus entwickelte sich das Passivhaus. Diese faszinierende Idee besagt, dass die Energie der Sonne und des normalen Lebens innerhalb eines Hauses so lange wie nur möglich erhalten bleiben soll: Eine zusätzliche Energiezufuhr sei dann nicht mehr nötig. Dazu ist vor allem wichtig, das Haus gut zu dämmen. Es wird daher so gut eingepackt, dass nichts mehr rein und raus kann: Aus dem Solarhaus der Hippies wurde ein Polarhaus, ein Iglu aus weißen Erdöl-Granulaten.