Das pittoreske Sindelfingen steht wie andere Mittelstädte um Stuttgart vor Herausforderungen durch den Zuzug und die teilweise gegensätzlichen Bedürfnisse ihrer Bewohner. - © Stadt Sindelfingen
Das pittoreske Sindelfingen steht wie andere Mittelstädte um Stuttgart vor Herausforderungen durch den Zuzug und die teilweise gegensätzlichen Bedürfnisse ihrer Bewohner. - © Stadt Sindelfingen

Anhaltender Zuzug und Wohnflächenwachstum lassen in der Region Stuttgart die Immobilienpreise und Mieten weiter ansteigen. Die Zahl der Einwohner und Haushalte steigt schnell, die der neu geschaffenen Wohnungen zu langsam, Wohnraum ist knapp. Wer wo für wen wie viel Wohnraum schaffen sollte, wird zwischen Großstadt und Umlandgemeinden intensiv diskutiert.

Stuttgarts Kessellage beschränkt das Außenwachstum der Stadt, die Aktivierung großer Konversionsflächen braucht Zeit. Der Blick richtet sich daher hilfesuchend auf die wirtschaftsstarken Mittelstädte, zum Beispiel Böblingen, Sindelfingen, Leonberg, Waiblingen, Esslingen und Ludwigsburg, die wie ein Kranz die Landeshauptstadt umschließen. Seit Mitte der 1960er Jahre führten Arbeitsplatzangebot, Automobilisierung und Wohlstand zu mehreren Wellen der Suburbanisierung von Bewohnern und Arbeitsplätzen. Aus gut erreichbaren Dörfern wurden Mittelstädte, teilweise mit mehr als 50.000 Einwohnern, charakterisiert durch ausgedehnte Wohn- und Gewerbegebiete - und seit den 1970er Jahren eine innenstadtferne Einzelhandelslandschaft.

Rund ein Drittel der 2,7 Millionen Einwohner der Region Stuttgart lebt in diesen Mittelstädten, die dank guter Arbeitsplatz- und Infrastrukturausstattung, eines breiten Wohnungsangebots und hübsch sanierter historischer Stadtkerne mit eigenen Identitäten unvermindert Zuwanderer anziehen.

Aus Großstadtsicht verfügen diese üppig von Äckern, Wiesen und Wald umgebenen, durchgrünten Mittelstädte über ein großes Flächenpotenzial. Die vermeintlich "freie" suburbane Landschaft ist aber überbucht: Sie fungiert als Kaltluftentstehungsfläche, ist Lebensraum geschützter Tierarten, sie gleicht Eingriffe in die Natur durch frühere Bauprojekte aus und wird von der Landwirtschaft gebraucht. Als Erholungsraum vieler Menschen und auch "schöne Aussicht" der bisherigen Siedlungsrandbewohner wird sie gegen Überbebauung, also Außenwachstum, verteidigt.

Der Nachverdichtung
sind Grenzen gesetzt

Nach deutschem Baugesetzbuch genießt die Innenentwicklung ohnehin Vorrang. Seit Jahren bereichern verdichtete Wohnprojekte, entstanden auf gut erschlossenen ehemaligen Gewerbebrachen mit einfachen Eigentumsstrukturen, auch das suburbane Wohnraumangebot. In den nächsten Jahren werden viele der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Privatgebäude in den Innenstädten saniert oder durch Neubauten ersetzt, und auch private Grundstückseigentümer werden - zum Teil auch gemeinsam - un- sowie untergenutzte Flächen zu neuen Wohnstandorten entwickeln.

Der Nachverdichtung sind allerdings Grenzen gesetzt. Je innenstadtferner und je aufgelockerter die Bestandsbebauung, umso heftiger protestieren Nachbarn gegen die Schließung von Baulücken und Planungen, die mehr Wohnraum in den Quartieren ermöglichen sollen. Befürchtet wird der Verlust von öffentlichen Parkplätzen, vor allem aber der Verlust von "Grün". Letzteres steht für die im Umland typische und sehr geschätzte Durchdringung von Gebautem und Freiraum. Der Abstand zum Nachbarn ist Kern suburbaner Identität und Gegenpol der skeptisch beäugten urbanen Dichte.

Folgekosten für Wachstum
müssen bedacht werden

Vorhaben der Außen- wie Innenentwicklung scheitern daher regelmäßig am metaphorisch aufgeladenen "Grün". Der frühere Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel umriss es bereits im Jahr 1993 so.

"Der Bebauungsplan

Es ist unerhört

Die Natur braucht jetzt Schonung!

So schrie der Nachbar

denn er hat seine Wohnung."

Jede Stadt prüft Für und Wider neuer Wohngebiete, höherer Dichten und einem Mehr an Einwohnern. Eine Weiterentwicklung der historisch gewachsenen, lockeren Struktur der suburbanen Mittelstädte kann dazu führen, dass zusätzliche Infrastruktur benötigt wird und daher überproportional hohe Folgekosten und auch Risiken für die städtischen Haushalte entstehen. Unübersehbar konkurriert zurzeit das Wohnen mit dem Arbeiten um die knappen Bauflächen. Ein ausreichendes Flächenangebot, das die Ansiedlung erweiterungs- und umzugswilliger Unternehmen ermöglicht, ist für Umlandstädte von existenzieller Bedeutung. Daher stellen viele Städte schrittweise neues Bauland zur Verfügung - dieses Vorgehen sichert ihre Handlungsoptionen, Zentralität und Standortbedeutung in der Zukunft.

Einfamilienhausgebiete müssen "altengerecht" werden

Interessant ist, dass die aktuelle Wohnraumdiskussion in vielen Umlandstädten auf einen weniger offensichtlichen Wandlungsprozess trifft - und dieser suburbane Stadtumbau wird durch das Thema Wohnraum erheblich an Dynamik gewinnen.

Ein Treiber dieses laufenden Stadtumbaus sind die Bewohnerinnen und Bewohner, die in den 60er und 70er Jahren die suburbanen Einfamilienhausgebiete und Großwohnanlagen bezogen haben und sich heute dort ein "altengerechteres" Lebensumfeld wünschen. Dies betrifft zum einen das Mobilitätsangebot - denn in der Region Stuttgart erschließt nur das Auto die suburbanen Räume. Die Strecken der S-Bahn reichen zwar weit ins Stuttgarter Umland hinein, die berühmte "letzte Meile" ist aber oft mehrere Kilometer lang und mit öffentlichen Verkehrsmitteln weder einfach noch bequem zurückzulegen.