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Wien. Im August 1998 wurde der Gewerbeordnung ein Absatz hinzugefügt. Eine kleine Novelle nur, ausgelöst durch ein Erkenntnis des Verwaltungsgerichtshofs. Medial ging sie damals weitgehend unter, sie war allerdings folgenschwer. Durch den hinzugefügten Absatz wurden Vereinsfeste aus der Gewerbeordnung ausgenommen, bis dahin hatte ein Wirt für den Ausschank sorgen müssen.

Seither, beklagen Gastronomen, sei die Zahl der Vereinsfeste deutlich gestiegen, auch Bürgermeister berichten dies. Daten gibt es dazu nicht, die beschriebene Entwicklung kann daher nur als anekdotische Evidenz eingeordnet werden. Die Wirtschaftskammer verweist auf die generelle Zunahme von Vereinen seit der Novelle um 16 Prozent. Im selben Zeitraum hat in Österreich jedes vierte Gasthaus zugesperrt.

Die Kausalität dieser Entwicklung ist natürlich komplexer, es ist aber offensichtlich, dass sich das einst symbiotische Verhältnis zwischen Wirten und Vereinen verändert hat. Die Säle in vielen Gasthäusern, die Vereinen früher Platz für ihre Feiern boten, stehen heute meistens leer. Wobei sich schon vor 1998 die auf wenige Tage im Jahr limitierten Veranstaltungen zunehmend zu Zeltfesten gewandelt haben. In der Regel jedoch unter Beteiligung eines Wirten - bis zur Novelle.

Der Eventcharakter von Zeltfesten kam jedenfalls gut und immer besser an, irgendwann haben sich Unternehmer auf die Vermietung, den Auf- und wieder Abbau dieser temporären Festsäle spezialisiert und die Ausrichtung dieser Veranstaltungen damit weiter vereinfacht - trotz auch hier gestiegener behördlicher Auflagen. Vereine sind so auf einmal zu Mitbewerbern für die Wirte geworden.

Vor fünf Jahren untersuchte die Kepler-Universität in Linz die Auswirkung dieser Zeltfeste und fand eine höhere Prävalenz von Gasthausschließungen, je mehr Vereinsveranstaltungen es gab. Nicht zuletzt deshalb hat die Branche auch versucht, gegen eine Ausweitung der für nur wenige Tage pro Jahr erlaubten Vereinsfeste mobilzumachen - ohne Erfolg aber. Das sogenannte kleine Vereinsfest darf ab heuer statt an 48 Stunden pro Jahr an 72 Stunden stattfinden, wobei nur die Ausschankzeiten berechnet werden. Das kommt also einer Ausweitung von drei auf vier Tage gleich.

Ein Konkurrenzverhältnis zwischen Wirten und Vereinen besteht allerdings nicht nur an diesen Tagen im Jahr, denn es gibt auch ein zweites Phänomen, das für die Gasthäuser zur Bedrohung geworden ist: die Zunahme der Vereinskantinen, egal ob Tennisklub, Fußball- oder Musikverein. Auch dies wurde in der Studie der Kepler-Uni untersucht, wobei der Zusammenhang zwischen der Anzahl der Vereinskantinen in einer Gemeinde und Gasthausschließungen noch signifikanter ausfiel als bei Vereinsfesten.

Geringere Bedeutung
als sozialer Treffpunkt

Es ist nicht wenig Geld, das heute in Klublokalen bleibt. Eine Quantifizierung ist mangels Aufzeichnungspflicht schwierig, erst im Vorjahr wurde dies in einer weiteren Studie der Kepler-Universität für fünf Bundesländer (Niederösterreich, Oberösterreich, Steiermark, Burgenland und Kärnten) zu ermitteln versucht. Je nach Berechnung kamen die Forscher auf einen Gesamtumsatz dieser "Paragastronomie" zwischen 17 und 49 Prozent der gewerblichen Kleingastronomie. Und auch hier hatte die Wirtschaftskammer eine kleine Niederlage erlitten, da diese Kantinen bis zu einem Umsatz von 30.000 Euro pro Jahr keine Registrierkasse benötigen.

Es gibt aber noch eine weitere Folge. Denn das "Bier danach" nahmen Vereinsmitglieder früher im Gasthaus ein, wo sonst? Abends kamen dort die Vereine und ihre Mitglieder zusammen, heute bleiben sie oftmals in ihren Kantinen unter sich. Das Gasthaus verliert damit nicht nur Umsatz durch ausbleibende Gäste, sondern büßt auch seine Rolle als sozialer Treffpunkt ein, was wiederum die Attraktivität reduziert. Es ist ein Teufelskreis.

Dass ein Gasthaus auch heute funktionieren kann, zeigen landesweit aber nach wie vor viele Gastwirte. Doch in der Regel haben sich diese Wirtshäuser gewandelt. Ein Beispiel dafür ist das Landgasthaus Assl in Götzendorf an der Leitha, erbaut im Jahr 1875. Mittlerweile ist es zum "Restaurant Assl" geworden, donnerstags und freitags werden Sechs-Gänge-Menüs serviert, auf Qualität und Regionalität wird hoher Wert gelegt. "Wir sind ein Ausflugsziel und immer voll", sagt Miteigentümer Michael Petschka. Aber natürlich: Auch im Restaurant Assl geht es nicht ohne viel Arbei, Urlaubsverzicht und wenig Freizeit. "Man muss schon ein bisserl verliebt sein", sagt Petschka.

Das Assl steht für eine nachhaltige Entwicklung in der Branche, denn die Gastro-Kategorie Restaurant wächst stetig, seit 1998 hat sich diese Betriebsanlage verdoppelt. In gewisser Weise verteilen sich heute die vielfältigen Funktionen der Institution Gasthaus auf mehrere Lokalitäten: die Kulinarik im Restaurant, die Geselligkeit im Vereinslokal, die Feste im Zelt und das Trinken an der Tankstelle. Auch das ist eine jüngere Entwicklung.

Tankstellen können nicht
mehr nur vom Tanken leben