In all diesen Fällen verharrte bei wechselnden Bundesministern und Spitzenbeamten das Justizministerium in Duldungsstarre. Die Verantwortlichen treten weder abwegigen und tatsachenwidrigen Äußerungen entgegen, noch äußern sie sich grundsätzlich zu Zielen und Aufgaben eines modernen Strafvollzugs. Seit ungefähr 20 Jahren beklagen Führungskräfte in den Justizanstalten das Fehlen eines Leitbildes, ohne dass ein solches bisher entwickelt worden wäre. Die Anstaltsleiter, auch die Justizwachoffiziere, fühlen sich zunehmend im Stich gelassen. Zudem entsteht in der Öffentlichkeit ein Bild vom Strafvollzug, das der überwiegende Großteil der Justizwachebeamten, die ihren nicht einfachen Dienst engagiert oder zumindest unaufgeregt machen, nicht verdient hat.

Der Psychiater und Psychoanalytiker Wilfred Bion führte, nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen als Leiter eines Psychiatrischen Militärhospitals, also auch einer Totalen Institution, folgende Unterscheidung ein: Es gibt einerseits Organisationen mit einer klar definierten Hauptaufgabe, die die Aufgabenerfüllung in den Mittelpunkt stellen und sich mit den an sie gerichteten Anforderungen differenziert und entwicklungsorientiert auseinandersetzen.

Andererseits: Wenn diese Hauptaufgabe nicht klar ist, gibt es eine deutliche Tendenz, sich in Grundannahmen zu verfangen, in "Kampf-Flucht" nach dem Motto: "Wir sind von Feinden umzingelt, die wir entweder bekämpfen müssen oder vor denen wir zurückweichen sollten." Sowie in "Abhängigkeit" nach dem Motto: "Wir sind so arm und schwach und im Stich gelassen, ohne dass man uns hilft, kann man von uns nichts erwarten." In beiden Fällen entschwindet die Bedeutung der Arbeitsinhalte. Zudem fehlen eine differenzierte Erfassung und Auseinandersetzung mit der Arbeitswirklichkeit und den Erwartungen der verschiedenen Anspruchsgruppen.

Gruppen, auch Berufsgruppen, kann nur dann aus Grundannahmen heraus geholfen werden, wenn man die Hauptaufgabe klar definiert und auf ihre Bedeutung und Notwendigkeit unablässig hinweist. Die Hauptaufgabe des Strafvollzugs wäre gar nicht so schwer zu definieren. Beispielsweise könnte sie lauten: "Wir leisten faire Menschenführung in einer sicheren Umgebung." Ob man sie so oder anders definiert: Solange die Hauptaufgabe im Strafvollzug nicht klar und wirkungsvoll kommuniziert wird, wird sich die Justizwache weiterhin vernachlässigt vorkommen. Ihre Vertreter werden ihren Frust in befremdlicher Form kommunizieren. Das Justizministerium wird möglichst viele Forderungen erfüllen, auch wenn sie nicht zielführend sind und eine Ressourcenvergeudung bedeuten. Und es wird, so gut es geht, versuchen, den Deckel auf dem brodelnden Topf zu halten.

Wenn der Strafvollzug bei den ihm Anvertrauten Lernprozesse in Gang setzen soll, müsste er zunächst einmal selbst ein wenig dazulernen. Von Interesse könnten hierbei Vergleiche sein, so mit den wesentlich ziviler orientierten Strafvollzugssystemen Deutschlands und der Schweiz und ihren Vor- und Nachteilen. Öffentliche Bekundungen von beruflicher Unzufriedenheit sind dort jedenfalls deutlich seltener und moderater.