Der Begriff Bildungsarmut drückt nicht nur ein geringes Qualifikationsniveau aus, sondern er steht zugleich für viele Ausgrenzungseffekte, die damit verbunden sind. So ist Bildungsarmut in unserer postindustriellen Wissensgesellschaft mit erheblichen Nachteilen für jene verbunden, die davon betroffen sind. Nicht nur die Arbeitslosenquoten in Abhängigkeit vom Qualifikationsniveau sprechen hier eine eindeutige Sprache. Die Auswirkungen zeigen sich bis hin zur Gesundheit und der Teilnahme am öffentlichen und politischen Leben, wie zum Beispiel bei Wahlen.

Wie ist nun aber Bildungsarmut definiert und wie verteilt sie sich regional? Als bildungsarm gelten Jugendliche im Alter von 15 bis 24 Jahren, die sich nicht in Ausbildung (oder Training) befinden und maximal über einen Pflichtschulabschluss verfügen. Dabei handelt es sich um die Definition der frühen Ausbildungsabbrecher oder kurz FABA. Auf internationaler Ebene wird hierbei von "Early School Leavers" gesprochen.

Deren Anteil soll entsprechend der EU2020-Strategie bis zum Ende des Jahrzehnts europaweit unter 10 Prozent sinken. In Österreich wurde dieses Ziel mit einem Anteil von 7,3 Prozent (2015) bereits erreicht. Diese Berechnungen basieren jedoch auf einer Stichprobe und Umfragedaten, sodass schon länger Zweifel an der Genauigkeit dieses Wertes bestanden. Seit kurzer Zeit steht uns in Österreich mit dem "Bildungsbezogenen Erwerbskarrierenmonitoring" zur Berechnung des Anteils früher Abbrecher und Abbrecherinnen jedoch eine alternative und auch sehr verlässliche Datenbasis zur Verfügung.

Auf Grundlage von Verwaltungsdaten und einer Vollerhebung errechnet sich so ein Anteil von 12,3 Prozent FABA österreichweit. Die neue Datenbasis erlaubt erstmals auch, den Anteil auf Ebene politischer Bezirke zu berechnen. Dabei kommen erstaunliche Dinge zum Vorschein. Zunächst einmal verblüfft die große Spanne von 5 Prozent frühe Abbrecher und Abbrecherinnen im Bezirk Zwettl in Niederösterreich bis 26 Prozent in Wien-Favoriten.

Bei einer bundesländerweisen Betrachtung wird deutlich, dass sich eine ähnliche Streuung auch in vielen Bundesländern wiederfindet. Ein Beispiel dafür ist Oberösterreich mit einer Spanne von 6 Prozent in Urfahr-Umgebung bis 21 Prozent in Wels-Stadt. Ein anderes Beispiel gibt Salzburg mit 7 Prozent im Bezirk Tamsweg und 17 Prozent in Salzburg-Stadt.

Die zweite Erkenntnis ist also, dass früher Ausbildungsabbruch vor allem ein städtisches Phänomen ist. Das Erstaunliche daran ist aber, dass sich die starke Erhöhung nicht nur in den Landeshaupt- oder Großstädten zeigt, sondern auch in vielen Städten mittlerer Größe wie eben in Wels, Steyr oder Wiener Neustadt. Eine bemerkenswert positive Ausnahme bildet hier die zweitgrößte Stadt Österreichs, Graz, die mit einem Anteil von 12 Prozent FABA nicht nur keinen Ausreißer in der Steiermark darstellt, sondern sogar unter dem gesamtösterreichischen Durchschnitt liegt.

Nochmals interessanter werden die regionalen Berechnungen, wenn zusätzlich noch nach dem Migrationshintergrund differenziert wird. Berechnet man den Anteil früher Ausbildungsabbrecher unter 15- bis 24-jährigen Jugendlichen, die in einem Drittstaat geboren wurden, verändert sich die regionale Verteilung grundlegend.

Migrantische Jugendliche am Land mit höherem Risiko

Gleich bleibt nur die große Streuung. So beträgt die FABA-Quote unter drittstaatsgeborenen Jugendlichen in Wien-Neubau, dem siebenten Bezirk, 19 Prozent und im Bezirk Baden mehr als das Doppelte (49 Prozent). Nun könnte man hier klarerweise einwenden, dass sich dies leicht erklären lasse, da die Qualifikationsstruktur in Wien-Neubau eben generell sehr hoch ist und im Bezirk Baden das österreichweit größte Erstaufnahmezentrum für Asylwerber und -werberinnen beheimatet ist: Traiskirchen.

Wie ist nun aber das Ergebnis zu interpretieren, dass wir in Wien-Donaustadt 27 Prozent und zugleich in Imst in Tirol 47 Prozent errechnen? Dreht sich hier das Stadt-Land-Gefüge etwa um? Die Hauptstadt schneidet doch überraschend positiv ab. Insgesamt kommen 17 von 23 Wiener Bezirken und dazu noch Städte wie Villach, Klagenfurt, Graz, Salzburg und St. Pölten unter dem österreichischen Durchschnitt zu liegen. Zugleich befinden sich viele ländlich geprägte Bezirke wie Schwaz, Schärding, Kirchdorf/Krems, Feldbach oder Bruck/Leitha (um nur exemplarisch einige zu nennen) teilweise deutlich über dem Durchschnitt in Österreich. Damit wird es klar: Trotz aller Unterschiede in der Qualifikationsstruktur von zugewanderten Personen, die es zu beachten gilt, dreht sich das Stadt-Land-Verhältnis bei diesem Indikator auf einmal um. Das Risiko eines frühen Bildungsabbruchs für Jugendliche mit Migrationshintergrund ist am Land deutlich höher als in der Stadt.

Selektives Schulsystem
erhöht Schulabbrecherquote

Diese Ergebnisse machen deutlich, dass Handlungsbedarf besteht. Zunächst einmal sollten die Berechnungen Anlass dafür sein, das Problem des frühen Ausbildungsabbruchs insgesamt ernst zu nehmen. Quoten von bis 25 Prozent in einzelnen politischen Bezirken und annähernd 50 Prozent bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund in einzelnen Regionen sind durchaus als Alarmsignal zu werten.