Hier von einer sozialen Ausgrenzung zu sprechen, die auch den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft gefährden kann, ist nicht zu weit hergeholt. Begrüßenswert in diesem Kontext sind Programme wie die in naher Zukunft startende Ausbildung bis 18 Jahre. Das alleine wird jedoch nicht ausreichen, sondern es sind auch Präventivmaßnahmen notwendig.

Um jedoch wissen zu können, wo angesetzt werden soll, bedarf es eines Verständnisses, wovon der Anteil früher Abbrecherinnen und Abbrecher in einem Bezirk abhängt. Die Lektüre des Nationalen Bildungsberichts 2015 ist dabei hilfreich. Hierin konnte nachgewiesen werden, dass die selektiven Strukturen des österreichischen Bildungssystems ihren Beitrag leisten. Ein Beispiel dafür ist die strukturell vorgegebene Möglichkeit der Abschiebung von Schülerinnen und Schülern von einer Schulform in die nächstniedrigere, anstatt sich selbst vor Ort um die Herausforderung kümmern zu müssen.

Aber auch die Selektionspraktiken der handelnden (Schul-)Akteure sind von großer Bedeutung. So trägt beispielsweise die Zusammensetzung von Schulklassen nach Herkunft oder die sozial selektive Überstellung von Schülern in Sonderschulen zum hohen Ausmaß des frühen Bildungsabbruchs in einem Bezirk bei. Dabei wird beispielsweise die Praxis, Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in eine Klasse und jene ohne Migrationshintergrund in eine andere Klasse zu geben, je nach Bezirk sehr unterschiedlich intensiv praktiziert.

Konsequenzen früher
Selektion bewusst machen

Mit diesen Erkenntnissen bekommt auch die Selektivitätsdiskussion der Bildung in Österreich eine neue Dimension. Es geht nicht mehr nur darum, ob es eine Gesamtschule gibt oder die Sonderschulen weiterbestehen. Die neue Dimension liegt in der praktischen Anwendung formaler Regelungen. Obwohl die zugrunde liegenden Normen in ganz Österreich formal gleich sind, ist die Strenge (oder Rigidität?) ihrer Anwendung höchst unterschiedlich.

Wer bislang glaubte, wir hätten in Österreich ein Bildungssystem, das überall (annähernd) die gleichen Selektionen nach gleichen Kriterien vornehmen würde, wird auf Basis dieser Ergebnisse eines Besseren belehrt. Eine Systemreform wird also nicht ausreichen, wenn man eine Veränderung herbeiführen möchte.

Ebenso ist es notwendig, bei den handelnden Akteuren ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welche weitreichenden und lebensbeeinflussenden Konsequenzen etwa mit Selektionsentscheidungen für die betroffenen Jugendlichen verbunden sind, wenn diese zu einem frühen Bildungsabbruch beitragen. Ob die vermeintlich damit einhergehenden Vorteile im Unterricht dies wert sind, sollte bei dieser Bewusstseinsbildung nicht ausgespart bleiben.

Gastkommentar

Mario

Steiner

ist Senior Researcher am IHS-Institut für Höhere Studien und Leiter der Forschungsgruppe in_Equality and Education. Sein Arbeits- und Publikationsschwerpunkt liegt in der Bildungs- und Ungleichheitsforschung.

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