Helmut Mödlhammer ist seit 18 Jahren Präsident des Österreichischen Gemeindebundes und damit höchster Vertreter von insgesamt 2089 Bürgermeistern in Österreich. Heute, Mittwoch, geht diese Ära zu Ende. Als Langzeit-Bürgermeister von Hallwang in Salzburg hat sich der ehemalige Chefredakteur der "Salzburger Volkszeitung" (bis 2004) bereits vor drei Jahren zurückgezogen. Nun verabschiedet sich Mödlhammer (65) gänzlich aus der Politik - allerdings nicht aus dem öffentlichen Leben. Er ist Vorsitzender des Gremiums der Salzburger Volkshochschulen und wird dies auch bleiben. "Die Bildung liegt mir am Herzen", sagt er.

"Wiener Zeitung": Sie haben den Gemeindebund im Jahr 1999 als Präsident übernommen. Wie hat sich seither dieses Amt verändert?

Helmut Mödlhammer: Es hat sich sehr gewandelt. Am Anfang war ich einmal in der Woche in Wien, jetzt ist es ein Full-Time-Job. Es gibt viele Themen von der Schule bis zur Gesundheit, in denen die Gemeinden eine wesentliche Rolle spielen. Wenn man da nicht als Player dabei ist, wird über einen drübergespielt.

Haben sich auch die Themen verändert?

Ja, Nachmittagsbetreuung oder Pflege war damals kein Thema. Der Wandel ist schon rasant, und teilweise waren die Herausforderungen auch nicht vorherzusehen, wie etwa die Flüchtlingskrise. Ich vermisse in der öffentlichen Darstellung schon manchmal, dass man die Leistungen der Gemeinden entsprechend hervorhebt. Da sitzen viele in den Zentralräumen und haben keine Ahnung, was sich in den Gemeinden abspielt.

Sie haben 2014 nicht mehr als Bürgermeister von Hallwang kandidiert, als Chef des Gemeindebunds sind Sie aber geblieben. Gab es da etwas Konkretes, das Sie noch unbedingt erledigen wollten?

Ich wollte den Finanzausgleich verhandeln, weil der für die Gemeinden das Fundament der finanziellen Gebarung ist. Und die Situation war ausgesprochen schwierig. Den Gemeinden wurde in Aussicht gestellt, dass es wesentlich weniger Geld geben wird. Und das trotz neuer Belastungen wie der akademischen Ausbildung in der Pflege oder dem verpflichtenden Kindergartenjahr. Es waren Punkte, die die Existenz der Gemeinden betroffen haben.

Sie haben nach der Unterzeichnung wörtlich von einem "Wunder" gesprochen. Experten haben sich eher gewundert, dass es wieder einmal "more of the same" war. Wie erklären Sie diese Diskrepanz?

Wenn man die Ausgangslage und die Streitparteien gekannt hat, dann ist es wirklich ein politisches Wunder gewesen. Und wenn man sich andere Bereiche ansieht - ich nenne die Integration, die Sicherheit oder das Wahlrecht -, wo man jahrzehntelang nichts zusammenbringt, war der Finanzausgleich wirklich ein politisches Wunder, dass ein Ergebnis herauskommt, mit dem wirklich alle halbwegs zufrieden sind. Das ist viel zu wenig beachtet worden.

Aber aus der oft geforderten Aufgabenreform ist nur ein "Einstieg zum Umstieg" geworden, wie es Finanzminister Hans Jörg Schelling genannt hat. Löst dieser Finanzausgleich die strukturellen Finanzierungsprobleme der Gemeinden?

Die Aufgabenorientierung wird noch eine unwahrscheinlich schwierige Herausforderung. Das stellen sich manche so einfach vor, aber das System Österreich ist nicht so einfach, dass man mit einem Knopfdruck alles umstellen kann. Das Land lebt ja nicht von zentralistischen Vorgaben, sondern Österreich ist ein unwahrscheinlich sensibles Mosaik, das im Burgenland ganz anders funktioniert als in Vorarlberg. Und hier hat man auch die Hausaufgaben nicht gemacht.

Welche sind das?

Es bedarf landes- und bundespolitischer Lösungen, etwa im Bereich der Kinderbetreuung. Wir brauchen einheitliche Spielregeln, und bevor es die nicht gibt, wird die Aufgabenorientierung nicht funktionieren. Was mir wichtig wäre, ist, dass man die Bundesmittel konzentriert. Bei der Kinderbetreuung sind fünf Ministerien zuständig. Jeder verteilt ein bisschen was. Auch die Sprachförderung ist auf vier Ministerien verteilt. Es braucht eine Stelle, die die Mittel verwaltet, aber die Regeln dürfen nicht so komplex sein, dass die Mittel gar nicht abgerufen werden können. Da baut man leider so viele Hürden ein, dass eine kleine Gemeinde gar keine Chance darauf hat.

Anders gefragt: Die Gemeinden beklagen, zunehmend mit der reinen Daseinsvorsorge vom Kindergarten bis zur Pflege belastet zu sein. Bietet dieser Finanzausgleich eine strukturelle Verbesserung?

Man darf Strukturen nicht nur nach Kostenfaktoren beurteilen. Es geht um mehr. Es geht auch um das Wohlgefühl der Bürgerinnen und Bürger. Ein Beispiel: Eine Kleinstschule rechnet sich nie. Aber was ist das für eine Lebensqualität, wenn ich das Kind eineinhalb Stunden mit irgendwelchen Bussen hin- und herfahren lassen muss? Man kann nicht alles mit Kostenfaktoren berechnen. Darum habe ich ja auch dafür gekämpft, eine gewisse Strukturmasse im Finanzausgleich zu bekommen, und jetzt haben wir 60 Millionen Euro, mit denen wir unterschiedliche Voraussetzungen von Gemeinden ausgleichen können. Ich will in jeder Gemeinde eine gewisse Infrastruktur haben, denn das zeichnet Österreich aus: Dass wir hier nicht Bürger zweiter und dritter Klasse bekommen. Wirtschaftlichkeit wird natürlich auch in der Privatwirtschaft großgeschrieben: Wirte sterben, Postämter schließen oder jetzt Bankfilialen, was uns derzeit Probleme bereitet. Das ist ein Verlust von Lebensqualität.