St. Pölten. Rein statistisch passiert jede Woche, in manchen Jahren sogar zweimal pro Woche, ein Unfall auf einer Eisenbahnkreuzung. Im Jahr 2015 wurden dabei 22 Personen getötet, mehr als die Hälfte davon allein in Niederösterreich. Wenn es zu Unfällen zwischen Autos und Zügen kommt, dann sind die Folgen in der Regel schwerwiegend.

Eine detaillierte Auswertung der Statistik Austria für die Jahre 2009 bis 2011 offenbart, was ohnehin logisch erscheint. Wenn ein Übergang mit Schrankenanlagen gesichert ist, sind Unfälle sehr selten. In dem erwähnten Zeitraum waren es insgesamt nur acht, während bei Kreuzungen, die mit einer Lichtzeichenanlage oder technisch gar nicht gesichert waren, also nur Stoppschild und/oder Andreaskreuz aufwiesen, insgesamt fast 200 Unfälle registriert wurden.

Nach wie vor sind in Österreich gut die Hälfte aller Bahnübergänge ohne technische Sicherung, teilweise wurden alte Schrankenanlagen zurückgebaut. In der Schweiz zeigt sich dagegen ein gänzlich anderes Bild. Dort waren die Unfallzahlen zwar bis etwa 2003 mit Österreich vergleichbar, dann wurde jedoch eine Task Force eingesetzt, um die Sicherheit zu erhöhen. Rund zehn Jahre später löste sich die Task Force auf, ihre Arbeit war erledigt. In der Schweiz gibt es seither nur noch ganz vereinzelt nicht technisch gesicherte Übergänge. Die Anzahl der Unfälle ist auf unter zehn pro Jahr gefallen, während sich in Österreich nach wie vor jedes Jahr mehr als 50 Unfälle auf Eisenbahnkreuzungen ereignen.

Das erlaubt die Frage: Warum eigentlich? Bei der Suche nach Antworten stößt man unweigerlich auf austriakische Irrungen featuring Verfassungsgerichtshof. Eine schnelle Auf- und Umrüstung der Eisenbahnkreuzungen wurde dadurch bisher erschwert und verzögert. Der neue Finanzausgleich könnte eine Besserung bieten - eventuell.

"Wir haben in Österreich viel zu viele Eisenbahnkreuzungen", sagt Franz Hammerschmid, Sprecher der ÖBB-Infrastruktur. In den vergangenen zehn Jahren sei deren Zahl bundesweit von 6000 auf 3269 gesunken. Den Trend wollen die ÖBB fortsetzen. "Die beste Eisenbahnkreuzung ist die aufgelassene", sagt Werner Baltram, Leiter der Strategischen Planung der ÖBB-Infrastruktur.

Tatsächlich hat Österreich im Vergleich mit Nachbarländern sehr viele Übergänge, wobei der Großteil eben nicht technisch gesichert ist. Es sind oft sehr kleine, selten benutzte Kreuzungen. Und klarerweise ist das Auflassen eines solchen Übergangs die günstigste aller Möglichkeiten einer Sicherungsmaßnahme. Der Nachteil: Es bedeutet für einige, manchmal auch mehrere Personen, einen Umweg von ein paar Hundert Metern.

Neue Verordnung

Auch Bernd Skoric von der Österreichischen Forschungsgesellschaft Straße-Schiene-Verkehr (FSV) sagt: "Es gibt zu viele Eisenbahnkreuzungen, die kaum gebraucht werden, aber aus Tradition notwendig sind." Skoric hat sich intensiv mit der Thematik befasst, und er ergänzt: "Bei Umwegen kommen die Beschwerden, das muss man von politischer Seite verstehen."

Kommunalpolitisch ist dies eben auch mitzudenken. Sicherheit im Straßenverkehr ist zwar bedeutsam, anderseits reagieren Bürgerinnen und Bürger sensibel, wenn sie durch das Auflassen eines Eisenbahnübergangs Umwege in Kauf nehmen müssen. Wobei gerade von Kreuzungen, die selten genutzt werden - und zwar sowohl von der Bahn wie auch von Autofahrern - eine besondere Gefahr ausgeht. In den Analysen der Unfälle wird deutlich, dass es meistens ortskundige Fahrer erwischt, und sich Unfälle zudem häufig in unmittelbarer Nähe der Wohnung oder des Hauses der Verunfallten ereignen. Der häufigste Grund für die Zusammenstöße ist schlicht Unachtsamkeit.

Vor nunmehr fünf Jahren, noch unter Verkehrsministerin Doris Bures, wurde eine neue Verordnung erlassen, die regelt, welche Übergänge wie technisch gesichert werden müssen. Die neue Eisenbahnkreuzungsverordnung löste die zu dem Zeitpunkt bereits seit Jahrzehnten in Kraft befindliche Regelung ab, die bereits völlig veraltet war.

Und dennoch waren (und sind nach wie vor) zahlreiche Altfälle offen, das heißt Kreuzungen, die nicht technisch gesichert sind und die bereits laut der jahrzehntealten Verordnung hätten umgerüstet werden müssen. Das ist wohl auch eine österreichische Besonderheit. Die neue Verordnung bedingte jedenfalls, dass tausende weitere Kreuzungen technisch gesichert werden müssen. Daraus ergaben sich logischerweise zwei Fragen. Erstens: Wie sollte gesichert werden? Und zweitens: Wer zahlt?

Beide Fragen sind nicht ganz einfach zu beantworten und hängen in gewisser Weise auch zusammen. Und die Verordnung lässt einen Spielraum zu. Die Behörde, so heißt es, habe "im Einzelfall nach Maßgabe der Zulässigkeit der einzelnen Arten der Sicherung" zu entscheiden.

Sieht man einmal von Unterführungen ab, stellen Schrankenanlagen die teuerste Sicherungsoption dar, zumal dafür teure Leitungen verlegt werden müssen. Vor allem bei viel befahrenen Straßen vermindern Schrankenanlagen zudem die Flüssigkeit des Verkehrs. Auch darauf ist laut der Verordnung Bedacht zu nehmen. Lichtzeichenanlagen, die Rot aufleuchten, sind günstiger. Experte Skoric sagt aber: "Die Lichtzeichen werden ignoriert. Das Versagen des Benützers ist die wesentliche Unfallursache."