Wien. Es gibt sie natürlich noch in Hülle und Fülle, diese Plätze in Österreich, an denen Ortsfremde gar nicht vorbei können, ohne die Handykamera zu aktivieren, und selbst Einheimische immer wieder von Neuem ergriffen sind, wie schön es hier doch nicht ist. Doch es gibt auch die anderen Plätze in Österreich, und sie wurden über die Jahre und Jahrzehnte immer mehr. Es sind Plätze, bei denen sich Ortsfremde wie Einheimische gleichermaßen an den Kopf greifen und denken: Wie konnte man das nur zulassen?

Dass in Österreich zu viel, zu undurchdacht, zu ungeplant und zu wenig nachhaltig gebaut wurde und nach wie vor wird, ist nicht nur zu sehen, es drückt sich auch im enormen Flächenverbrauch aus, der in kaum einem anderen EU-Land so hoch ist wie in Österreich. Das Problem ist seit vielen Jahren bekannt und hat bereits 2002 zur Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung geführt. Diese sah damals vor, dass im Jahr 2010 nur mehr 2,5 Hektar pro Tag verbaut werden sollen. Das Ziel wurde aber meilenweit verfehlt. Die Realität lag dann bei fast bei 25 Hektar.

Etwa zu jener Zeit wurde vom Bundeskanzleramt der Beirat für Baukultur eingesetzt. In einem jahrelangen Prozess wurden insgesamt 20 Leitlinien für Baukultur erarbeitet. Vor einer Woche wurden sie im Ministerrat beschlossen. Die Leitlinien basieren auf einer eingehenden Analyse, dem Baukulturreport, sowie auf einem vielschichtigen Beteiligungsverfahren, an dem unter anderem Architekten, Raumplaner, Bauträger, Politiker und Beamte mitgewirkt haben.

Baukultur ist ein weitgefasster Begriff und jedenfalls eine Querschnittsmaterie. In den Leitlinien geht es um Orts- und Landschaftsentwicklung, um das Bauen selbst, um Fragen von Beteiligung, von Lenkung und auch um Wissensvermittlung. "Es geht um einen Kulturwandel", sagt der Architekt Robert Temel, der einer von drei Sprechern der "Plattform Baukultur" ist und an den Leitlinien aktiv mitgearbeitet hat.

"Es geht nicht nur um einzelne Gesetze, sondern es muss sich auch das Bewusstsein ändern", sagt er. In den vergangenen Jahren hat sich dahingehend schon einiges getan. Das Thema Bodenverbrauch wird intensiver debattiert, erste Erfolge zeigen sich auch bereits in Form eines Rückgangs der Flächenversiegelung.

Einzelne Gemeinden haben bei kommunalen Infrastrukturprojekten die Bevölkerung einbezogen, der Tiroler Ort Fließ erhielt für ein solches Projekt im Vorjahr den europäischen Dorferneuerungspreis. Die Einbindung der Öffentlichkeit, heißt es in den Leitlinien, sei "zunehmend unverzichtbar".

Bund fehlen Kompetenzen

"Es ist in jeder Hinsicht etwas in Bewegung", sagt Temel. "Das Problem ist, dass Österreich in vielen Bereichen hinterherhinkt. Bei konkreten Umsetzungen stehen wir total am Anfang." Immerhin treffen die erarbeiteten Leitlinien auf eine doch bereits sensibilisierte Öffentlichkeit in Sachen Baukultur. Und dennoch sind diese Leitlinien mehr Selbstverpflichtung als Vorgabe. Als Bauherr will der Bund jedenfalls vorbildhaft auftreten, an der kommenden Regierung wird es dann liegen, auch einzelne gesetzliche Rahmenbedingungen sowie die Kooperation mit anderen Gebietskörperschaften zu verbessern.

Derzeit fehlt dem Bund in vielen Bereichen die verfassungsrechtliche Kompetenz, denn Raumordnung ist Sache der Länder. Zwar hat sich auch hier einiges getan, so wurde erst vor wenigen Wochen in Salzburg ein neues Raumordnungsgesetz verabschiedet, doch sind die Schritte zu klein und mühsam errungen.

Vielerorts kommen diese Fortschritte allerdings zu spät, haben sich baukulturelle Sünden über Jahrzehnte auch strukturell manifestiert. Ein Beispiel dafür sind die vielen Fachmarkt- und Einkaufszentren an den Ortsrändern inklusive großzügiger Parkplatzanlagen. Sie sind die fast logische Konsequenz einer Entwicklung, die mit der Motorisierung ihren Anfang genommen hat.

Dem Mobilitätsgewinn stand nämlich bald ein Verlust an Lebensqualität gegenüber durch eine Zunahme von Lärm und Abgasen. Das hat österreichweit zu immer mehr Ortsumfahrungen geführt, meist von den Anrainern vehement gefordert, doch auf der anderen Seite hat dies auch dazu beigetragen, dass Handel, Handwerk und Gastronomie in den Dorfzentren gelitten haben - und sich irgendwann entlang der Umfahrungen und an den Kreisverkehren angesiedelt haben. Die Versorgung wurde zwar erhalten, sie wurde allerdings an die Ortsränder outgesourced.

Richtungsänderung nötig

Ob sich diese Entwicklung zurückdrehen lässt? "Eine Richtungsänderung kann es geben, ist aber ein langwieriger Prozess", sagt Temel. Österreich steht im Europavergleich sehr schlecht da. Nirgendwo in der EU gibt es mehr Verkaufsfläche pro Person, und mit 15 Straßenmetern pro Kopf weist Österreich auch doppelt so viel auf wie Deutschland und die Schweiz.

An jede der 20 Leitlinien wurden Maßnahmen für ein "Impulsprogramm" geheftet, also konkrete Ideen, um die übergeordnete Zielsetzung zu erreichen. So wurde etwa in der Leitlinie 10 festgeschrieben, dass Architekturwettbewerbe verstärkt eingesetzt werden sollen, eine konkrete Maßnahme dazu ist die Entwicklung einer Musterwettbewerbsordnung, um auch kleinen Auftraggebern, etwa kleineren Gemeinden, einen möglichst praktikablen Zugang zu qualitativer Planung von Bauvorhaben zu bieten.

"Das ist nun ein erster Schritt. Es wäre aber wichtig, wenn es eine Stelle gäbe, die das Weiterarbeiten und die Umsetzung begleitet", sagt Temel. Es dürfte nicht der leichteste Job werden. Wenn ihn die künftige Regierung überhaupt schaffen sollte.