Vor zwei Wochen hat die Statistik Austria ihre vorläufigen Bevölkerungsdaten für 2017 publiziert. Sie bestätigen eine langjährige Entwicklung, dass der Zuzug in die Zentralräume unter anderem auf Kosten ländlicher, peripherer Regionen erfolgt. Von Zuwanderung aus dem Ausland profitieren auch fast nur strukturstarke Regionen. Die Raumforscherin Gerlind Weber hat sich jahrzehntelang mit dem Thema Abwanderung und ihren Folgen beschäftigt. Sie fordert eine Abkehr von bisherigen Lösungsansätzen.

"Wiener Zeitung": Welche Regionen in Österreich sind von Landflucht besonders betroffen?

Gerlind Weber: Das sind die Regionen entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Dort werden die Gemeinden nach wie vor als peripher erlebt. Dann gibt es eine Zunge entlang des Alpenhauptkamms, die von Osttirol über weite Teile Kärntens, der Steiermark bis ins südliche Oberösterreich und Niederösterreich hinaufgeht. Aber es geht dabei nicht nur um die Abwanderung selbst, sondern auch, dass sich eine negative Wanderungsbilanz mit einer negativen Geburtenbilanz gegenseitig verstärken. Wenn diese zwei Tendenzen zusammenwirken, klappt alles hinunter. Die Menschen in diesen Gemeinden erleben, dass es drei- bis viermal mehr Begräbnisse als Taufen gibt pro Jahr. Und das ist natürlich nicht ermutigend.

Raumforscherin Gerlind Weber. - © Luiza Puiu
Raumforscherin Gerlind Weber. - © Luiza Puiu

Sind diese Entwicklungen stabil oder gibt es da ein Auf und Ab?

Es ist recht manifest, dass sich eine Abwärtsspirale formiert. Es fängt mit dem Mangel an Arbeitsplätzen an, dadurch ergeben sich demografische Verschiebungen, denen folgen Veränderungen in der lokalen Wirtschaft wie zum Beispiel der Zusammenbruch der Nahversorgung und eine schlechte Auslastung der Infrastruktur, weil die Haushalte weniger zahlungskräftig werden. Auch die öffentliche Hand hat geringere Einnahmen und baut soziale und technische Infrastruktur ab. Und so schaukelt sich das Ganze immer weiter auf. Diese Gemeinden sind nicht mehr als Bleibe- bzw. Zuzugsorte und auch nicht mehr als Wirtschaftsstandorte attraktiv.

Sie kritisieren, dass die Gegenstrategien dieser Gemeinden fast allesamt darauf basieren, den Abgang zu stabilisieren beziehungsweise umzukehren. Der Fokus liegt dabei auf "mehr Wachstum". Was ist daran falsch?

An diesem Gedanken ist falsch, dass es sich eben oft nicht mehr stabilisieren und schon gar nicht in ein erneutes Wachstum drehen lässt. Dahinter steht der Wachstumsmythos unserer Gesellschaft: Etwas, das nicht wächst, trägt den Hauch des Sterbens in sich. Was ökonomisch nicht wächst, gilt als Versagen. Es fehlen vor Ort die Menschen, die dieses Wachstum erzeugen könnten.