"Eine Gesellschaft, die Diskriminierung duldet, belastet ihren Zusammenhalt. Diskriminierung erzeugt Enttäuschungen und schließt Menschen aus. Wie lässt sich von solchen Opfern noch eine aktive Bürgerschaft erwarten?" Der Dschihadismus ist nur die extremste Form einer Ablehnung des Staates und der Gesellschaft, ebenso verhält es sich bei Staatsverweigerern. Doch es gibt weit mehr, die den Staat negativ sehen, die sich nicht als Teil der Gesellschaft begreifen und sich auch dementsprechend verhalten.

Somers dreht es noch weiter. Er ist dafür, dass Bürgerschaft zu einem Schulfach werden sollte, und zwar für alle, nicht nur für Migranten, in Form einer feierlichen Zeremonie soll dieses Fach abgeschlossen werden, um damit auch symbolisch Teil dieser "Bürgerschaft", dieser Gesellschaft zu werden.

Würden Österreichs Spitzenpolitiker das Buch des Mecheler Bürgermeisters lesen, wäre es keine Überraschung, wenn es rundum auf Zustimmung stoßen würde. Einige Maßnahmen erinnern an die Wiener Sozialdemokratie, etwa beim Thema sozialer Wohnbau, bei dem Somers quasi für das Wiener Modell plädiert. Bei den Neos, der Schwesternpartei von Somers VLD, liegt die Unterstützung auf der Hand, aber auch die türkis-blaue Regierung wird einige Punkte finden, die ihr, vor allem Kanzler Kurz, bekannt vorkommen werden: der restriktive Kurs in der Sicherheitspolitik, der Schutz der EU-Außengrenzen, eine Differenzierung im Sozialsystem bei Zuwanderern.

Die Rhetorik Somers ist aber schon eine andere, nämlich eine demonstrativ inkludierende. Und so wie der Ton die Musik macht, macht die Rhetorik die Politik. Somers beklagt zwar ähnlich wie die Regierung die Entwicklung von "Monokulturen", doch er beschreibt grundsätzlich die negativen Folgen von gesellschaftlichen Blasenbildungen, wenn man nur mehr unter Seinesgleichen verkehr. Bei ihm geht es nicht ausschließlich um "Parallelgesellschaften" von Ausländern. Das mag nur ein rhetorischer Unterschied sein, aber kein unwesentlicher, da er ostenativ nicht diskriminiert oder diskriminierend verstanden werden kann.

In der jüngeren Vergangenheit sind viele Texte über rezente gesellschaftliche und soziale Entwicklung geschrieben worden, die mal besser, mal schlechter die zunehmende Polarisierung analysieren. Hier aber schreibt ein Bürgermeister nicht nur, was schlecht läuft, sondern erläutert auch, was er in seiner Stadt aktiv dagegen unternommen hat und was auch funktioniert hat. Das ist doch eine echte Mehrheit.