Wien. Manchmal sind es die kleinen Meldungen, die große Wirkung entfalten. Als Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) in den Jahren 2012 und 2013 per Erlass die Lehre für Asylwerber in Mangelberufen öffnete, schlug das keine Wellen. Die Flüchtlingszahlen stiegen zwar bereits leicht an, doch 2012 stellten nur 1700 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge einen Antrag in Österreich. Zudem schien der Effekt der Maßnahme überschaubar.

Josef Missethon hatte sich zu dieser Zeit mit dem Thema noch gar nicht auseinandergesetzt. Ein paar Jahre später aber, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, sollte der ehemalige Unternehmensberater dann das Projekt "Talente für Österreich" initiieren. Dabei begleitet er junge Flüchtlinge auf dem Weg in die Lehre und den Arbeitsmarkt. "Ich habe nicht gewusst, welch tolles Arbeitsintegrationsmodell die Lehre ist", sagt Missethon.

Der Erlass hatte unmittelbare Wirkung. Der steigende Lehrstellenmangel wurde gebremst, in der Gastronomie, auf die seit Jahren die meisten unbesetzten Lehrstellen entfallen, gab es sogar einen spürbaren Rückgang. Auf der anderen Seite bot die Mangelberuf-Lehre den Jugendlichen einen großen Anreiz. Denn die Alternative dazu hieß Grundversorgung und Nichtstun, und eine Lehre war obendrein finanziell attraktiver.

Offene Lehrstellen in Österreich - © Grafik: WZ
Offene Lehrstellen in Österreich - © Grafik: WZ

Das Problem des Fachkräfte- sowie des Lehrlingsmangels löste der Erlass zwar nicht, er minderte ihn aber etwas, vor allem in ländlichen Regionen. Missethon berichtet von einem Anruf von einem Gastronomen in Trofaiach, der erfolglos eine Lehrstelle ausschrieb. Er hätte gerne auf Vermittlung von Missethon einen Geflüchteten aufgenommen, doch die Regierung hat am Wochenende überraschend angekündigt, den Erlass zurückzunehmen.

Derzeit absolvieren rund 1000 Asylwerber eine Lehre, sie werden diese wohl auch abschließen können. Doch grundsätzlich will die Regierung nur mehr anerkannte Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte in die Lehrberufe bringen. Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) verwies am Montag auf gut 8000 Flüchtlinge unter 25 Jahren. Sie sollen die freien Stellen besetzen. Bisher fanden aber nur wenige den Weg zur Lehre.

Es gibt mehrere Gründe dafür. Erstens ist das Ost-West-Gefälle ganz bedeutsam. Rund 80 Prozent der offenen Lehrstellen entfallen auf die westlichen Bundesländer sowie auf Oberösterreich, die Steiermark und Kärnten. In Wien gab es dagegen zuletzt nur halb so viele offene Lehrstellen wie in Tirol, dafür ein Überangebot an Suchenden. Der Großteil der Asylberechtigten lebt jedoch im Osten des Landes.