Graz. Schmucklos, fast vergessen stehen die Baracken-Gebäude auf den beiden Seiten jener Straße, die in Bad Radkersburg über die Grenze nach Slowenien führt. Jahrelang standen die Ein- und Ausreisegebäude der Beamten am ehemaligen Grenzübergang leer. Eine Atmosphäre der Furcht oder zumindest Unsicherheit ist auch heute noch spürbar an diesem Ort, an dem man sich vor dem Wink der Zöllner nie sicher sein konnte. Langsam fahren die Autos an den vorgelagerten, blauen Containern entlang, in denen die Grenzpolizisten heute verstärkt ihren Dienst versehen. Doch vor dem "Zollamt" muss mittlerweile niemand mehr Angst haben. Seitdem der Künstler und "Werkstadt Graz"-Leiter Joachim Baur und der Sammler Reinhard Diethardt 2011 das leer stehende Zollamt ersteigerten, ist es ein Ort der Kunst mit einem ganzjährigen Programm.

"Wir haben das Zollamt am ‚Tag der Weltzivilisation‘, dem 24. November eröffnet. An diesem Tag wurde 1934 die Hagia Sophia in Istanbul als umstrittener Ort der Religionen zu einem Museum und somit zu einem Zivilisationsort erklärt", erinnert sich Baurs Tochter Helene an den Tag der "Zollamt-Öffnung". "Wir wollten aufzeigen, wie man mit diesen leer stehenden Gebäuden und der Grenze künstlerisch umgehen kann. Immer mehr Künstler zeigen Interesse an dem Projekt, weil sie hier buchstäblich ‚Grenzerfahrungen’ machen können." Für die aktuelle Ausstellung "University Of Craft Action Thought" konnte unter anderem Melissa E. Logan vom Künstlerkollektiv "Chicks On Speed" gewonnen werden. Passend zur Umgebung geht es in der Schau um Fragen der Repräsentation und des Nationalismus in Flaggen.

Nachnutzung für
leere Gebäude

Joachim Baur und Tochter Helene haben die nicht mehr benötigte Grenzstation in Bad Radkersburg umgedeutet. - © Wolfgang Liu Kuhn
Joachim Baur und Tochter Helene haben die nicht mehr benötigte Grenzstation in Bad Radkersburg umgedeutet. - © Wolfgang Liu Kuhn

Das künstlerische Programm im Zollamt ist anspruchsvoll - und wirkt im verschlafenen Ambiente des Grenz- und Kurortes Bad Radkersburg fast überambitioniert. Aber: "Die Bevölkerung hat das Projekt von Anfang an gut angenommen, gerade von slowenischer Seite. Allerdings muss man allgemein sagen, dass sich immer weniger Menschen mit zeitgenössischer Kunst beschäftigen. Daher bemühen wir uns, die Menschen aktiv einzubinden und auf sie zuzugehen, um Berührungsängste abzubauen. Unser jährliches ‚Buchstabenfest‘ ist dafür ein gutes Beispiel." Im umfunktionierten Zollamt sieht sie auch den Anfang einer möglichen Bewegung: "Wir nutzen hier eine bestehende Infrastruktur, die wir mit anderen Inhalten auffüllen. Das Konzept ist ausbaufähig, von Militärkasernen über Schulen bis hin zu Kirchen. Es werden immer mehr Häuser leer stehen, die man einem Nachnutzungskonzept unterwerfen sollte."