Wien. "Die Demografie spielt gegen uns", sagt Harald Mahrer. Er meint mit "uns" die Unternehmer, deren Interessen er als Präsident der Wirtschaftskammer vertritt. Die Zahl der 20- bis 60-Jährigen in Österreich hat vor wenigen Jahren die Fünf-Millionen-Marke überschritten, wird dort noch eine Weile verharren, ehe es nach unten gehen wird. Für das Jahr 2030 werden nur mehr 4,8 Millionen Menschen im Haupterwerbsalter sein.

Was auf den ersten Blick nach einer guten Nachricht klingt, weil sich die nach wie vor angespannte Situation auf dem Arbeitsmarkt mit zuletzt 344.651 Personen ohne Job gewissermaßen demografisch entspannen könnte, ist bei näherer Betrachtung ein Problem. Denn schon heute gibt es Ungleichgewichte, und zwar einerseits regionale (West-Ost), anderseits zwischen den einzelnen Branchen.

Die Wirtschaftskammer hat in einer größeren Untersuchung den Fachkräftemangel erheben lassen und kommt auf 162.000 qualifizierte Jobs, die aktuell nicht besetzt werden können, weil geeignete Arbeitskräfte fehlen. Die Zahl basiert auf einer Umfrage unter den Mitgliedern der Wirtschaftskammer, auf die 4462 Unternehmen geantwortet haben. Die Ergebnisse wurden dann gewichtet hochgerechnet.

Mahrer interpretiert diese Zahlen als "dramatisch". Wenn Betriebe kein geeignetes Personal finden, verlieren sie an Wettbewerbs- und Österreich an Zukunftsfähigkeit. Wenn der demografische Effekt in einigen Jahren zu wirken beginnt, kann sich das Problem des Fachkräftemangels rasch verschärfen.

Regionale Unterschiede

Die Wirtschaftskammer formulierte einige Handlungsoptionen, die im Wesentlichen auf zwei Stoßrichtungen hinauslaufen. Erstens, die vorhandenen Ressourcen sollen besser genutzt werden. Etwa durch Qualifizierungsmaßnahmen, eine höhere Mobilität von Arbeitskräften innerhalb Österreichs und einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zweitens, es wird auch mehr Zuwanderung geben müssen, sowohl von Lehrlingen als auch ausgebildeten Fachkräften.

"Wer glaubt, ohne qualifizierte Zuwanderung auszukommen, der irrt", sagt Mahrer. In einigen Branchen werde es auch notwendig sein, Arbeitskräfte auch von weiter weg nach Österreich zu holen. Konkret nannte Mahrer hier IT-Kräfte aus Asien. Unter anderem dafür fordert die Wirtschaftskammer eine Reform der Rot-Weiß-Rot-Karte, die derzeit fast nur für Hochqualifizierte infrage kommt - und zudem zu bürokratisch sei, wie Mahrer sagt.

Die Zuwanderung ist allerdings auch ein Faktor, warum das Ost-West-Gefälle so deutlich ist, in Wien gegenwärtig auf eine offene Stelle 15 Arbeitssuchende entfallen, im Westen des Landes aber weniger als 2. Die Unterschiede in manchen Branchen und Regionen sind gravierend. Bei Schlossern waren im August 38 offene Stellen in Wien ausgeschrieben, 241 Schlosser suchten einen Job. In Oberösterreich waren 500 offene Schlosser-Stellen ausgeschrieben - bei nur 108 arbeitslosen Personen in diesem Beruf. In Ried war es noch eklatanter: 60 offenen Stellen standen nur 3 arbeitssuchende Schlosser gegenüber.