Brand-Laaben. "Umgerüsselt", sagt Leopoldine Schibich. Sie steht auf einer Wiese am Waldrand. Der Himmel ist bewölkt, der Boden umgewühlt. Das Gras nur ein paar Zentimeter hoch. "Sogar um drei Uhr nachmittags sind sie gekommen und haben die Wiese ,umgerüsselt‘". Leopoldine blickt auf die unebene Oberfläche. Hinter ihr führt ein Wanderweg zum höchsten Berg des Wienerwaldes – dem Schöpfl. Von dort kommen die Wildschweine.

Die Landwirtin ärgert sich regelmäßig über den Besuch von Wildschweinen.  - © Lisa Lugerbauer
Die Landwirtin ärgert sich regelmäßig über den Besuch von Wildschweinen.  - © Lisa Lugerbauer

Vor mehr als zehn Jahren haben die Landwirte Günter und Leopoldine Schibich das eher feuchte Grundstück in Brand-Laaben, einem kleinen Dorf am Rande des Wienerwaldes gekauft. Das gemähte Gras würden sie gerne weiterverkaufen, doch das Schwarzwild macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Mit ihren Hauern arbeiten sich die Tiere durch den erdigen Boden. Zurück lassen sie für die Landwirtschaft unbrauchbare Flächen. "Heuer haben wir einen totalen Ausfall gehabt", sagt Leopoldine. Derart umgewühlte Wiesen führen zu massiven Ernteeinbußen. Zusätzlich erschwert der umgeackerte Boden das Arbeiten mit dem Traktor. Sogar mit einem speziellen Radio und einer Lichtkonstruktion hat das Ehepaar versucht, die Wildschweine vom Grünland fernzuhalten – bisher ohne Erfolg.

Hannes Lutterschmied ist Leiter der Forstverwaltung Lainz. - © Lisa Lugerbauer
Hannes Lutterschmied ist Leiter der Forstverwaltung Lainz. - © Lisa Lugerbauer

In der Region rund um den Wienerwald kommt es nicht nur bei den Schibichs zu Schäden, auch andere Landwirte klagen. "Manche wissen nicht mehr, was sie tun sollen". Betroffen sind nicht nur Grünlandflächen sondern auch Maisfelder, die die Tiere mit ihrem süßen Saft anlocken. Für die Schäden kommen üblicherweise die Jäger auf. Die betreffenden Flächen werden zuvor von einer Kommission für Wildschaden begutachtet und geschätzt. Anschließend wird ein Betrag vereinbart, den der Jagdpächter bezahlt. Für Präventionsmaßnahmen, wie Radios oder Lichter, kommt hingegen niemand auf. Das Ehepaar Schibich hat die Prozedur mit der Jägerschaft und der Kommission allerdings nicht auf sich genommen: "Mit den Jägern ist es nicht immer leicht. Und ich glaube, dass die Wildschweine zu wenig bejagt wurden und die Jäger zu lange gewartet haben".

Kommendes Jahr lässt das Schwein die Sau raus

Den Lainzer Tiergarten besuchen jährlich rund 80.000 Menschen.  - © Lisa Lugerbauer
Den Lainzer Tiergarten besuchen jährlich rund 80.000 Menschen.  - © Lisa Lugerbauer

Die Situation könnte sich aus zwei Gründen weiter verschärfen. Erstens, weil es massenhaft Nahrung gibt. Zweitens sind Jagdgatter ab 2021 in Wien verboten. "Wir haben heuer bei der Rotbuche und der Eiche ein sogenanntes Mastjahr", sagt Hannes Lutterschmied, Leiter der Forstverwaltung Lainz. Gute Bedingungen, wie schneearme Winter, nicht zu trockene Sommer und ausreichend Nahrung lassen eine Wildschweinpopulation innerhalb eines Jahres verdreifachen. Wird der Winter mild, steht genau das 2019 bevor. Zwei Jahre darauf folgt die Öffnung der Jagdgatter. In diesen riesigen, eingezäunten Flächen züchten Jäger das Wild, um es zu erlegen. In Wien betroffen ist nur der Lainzer Tiergarten, ein 2.450 Hektar großes Naherholungsgebiet im Westen des Stadtgebiets. Tierschützer begrüßen das Verbot der "umfriedeten Eigenjagdgebiete", wie die Gatter noch genannt werden. Im Burgenland tritt es ab 2023, in Niederösterreich ab 2029 in Kraft – nur Salzburg sträubt sich und will das einzige aktive Jagdgatter weiterhin aufrechterhalten. Die andere Seite des Wienerwalds beäugt diese Entwicklung kritisch. Für die Landwirte in Brand-Laaben bedeutet eine größere Population noch größere Schäden. Vor allem dann, wenn sich weitere Tiere auf den Weg zu ihnen, quer durch den Wienerwald machen.

Momentan ist die Situation im Lainzer Tiergarten aber kontrolliert. Den Wildschweinen wurden Grenzen gesetzt. Nur zehn Prozent der artenreichen Wiesen dürfen umgewühlt sein. Wird dieser Wert überschritten, greift die Forstverwaltung zum Gewehr. Bis spätestens 2021, wenn die Gatter geöffnet werden, muss innerhalb des Lainzer Tiergartens das ökologische Gleichgewicht wiederhergestellt sein. "Der Wildbestand sollte an die Außenflächen angepasst sein, nicht dass dann große Massen hinausströmen, das ist wichtig", sagt Lutterschmied. Die Auflösung des Gatters wird zudem nicht zur Stadt hin vorgenommen, sondern vorwiegend in Richtung der niederösterreichischen Eigenflächen veranlasst. Wien hat mit den Wildschwein-Besuchen in der Donaustadt schließlich genug zu tun. 


Wie viele Wildschweine es österreichweit gibt, ist nicht bekannt. Selbst die Abschusszahlen geben nur bedingt Aufschluss. Im Jagdjahr 2016/2017, das vom 1. April bis zum 31. März des Folgejahres reicht, wurden laut Statistik Austria 30.594 Tiere geschossen. Je nach Bundesland variiert die Zahl signifikant. Niederösterreich verzeichnet 2016/2017 19.514 erlegte Wildschweine, gefolgt vom Burgenland mit 6.881. In Vorarlberg konnte allein der Abschuss von drei Tieren dokumentiert werden. Vier Jahre zuvor, 2012/2013 waren es österreichweit fast 50.000 erlegte Wildschweine. Die starke Schwankung innerhalb der Bundesländer ist auf die Jagdgatter zurückzuführen. 69 der rund 80 Jagdgatter Österreichs befinden sich in Niederösterreich. In Vorarlberg, Tirol, Kärnten, Oberösterreich und der Steiermark sind Gatterjagden verboten – daher sind die Abschusszahlen in diesen Bundesländern weitaus geringer.

"Sich langsam zurückziehen"

Plötzliche Zusammentreffen von Mensch und Wildschwein sind selten. 2017 wurde der britische Botschafter Leigh Turner im Lainzer Tiergarten von einem Wildschwein verfolgt. Bei der Flucht hat er sich leicht verletzt. Wie sich die Situation genau abgespielt hat ist ungewiss. Eines ist sicher: "Gefährlich sind Wildschweine prinzipiell nicht", sagt Lutterschmied. Zu Verhaltensauffälligkeiten ist es allerdings schon öfter gekommen. Das liegt auch daran, dass die Tiere im Lainzer Tiergarten halb domestiziert sind. Sie verbinden Menschen mit Nahrung. Aus diesem Grund sind heikle Situationen nicht ganz auszuschließen. Besonders dann, wenn die Muttertiere – im Jägerjargon Bachen genannt – glauben, ihre Frischlinge verteidigen zu müssen. Bei einer unerwarteten Situation rät Lutterschmied: "Sich langsam zurückziehen. Sollte das nicht helfen, ist Anschreien am Effektivsten".

Obwohl Lutterschmied in einem mit mehreren Hirschgeweihen bestückten Büro arbeitet, hält er nichts von Trophäenjagden. Er sagt, dass das Jagen ausschließlich auf zwei Dinge abzielen sollte: Zum einen auf die Nahrungsgewinnung, zum anderen auf die Bestandsregulierung. "Wir verhindern wesentliche Kontrollmechanismen und einer der stärksten davon sind Seuchen". Die Schweinepest wäre eine davon. Verhindern Menschen Seuchen und natürliche Feinde, wie den Wolf, muss eingegriffen werden. Ansonsten ist das ökologische Gleichgewicht gestört.

Dass die Maßnahmen der Forstverwaltung im Lainzer Tiergarten greifen, ist deutlich zu sehen. Weniger Schwarzwild bedeutet mehr Jungwald, mehr Hasen und Rehe. Auch die Wanderer profitieren vom Abschuss, denn die erlegten Tiere landen als Schnitzel oder Ragout auf vielen Tellern. Auf einer Wanderung durch den Lainzer Tiergarten waren früher dutzende Wildschweine beobachtbar, heute sind nur wenige zu sehen. Und selbst diese sind schnell im naturbelassenen Wald verschwunden. Übrig bleiben nur die Spuren in der schlammigen Wiese, die sie beim "Umrüsseln" hinterlassen haben.