České Velenice/Gmünd. Die Gewohnheit hat ein schlechtes Image. Sie gilt als träge, eintönig, schwerfällig. Doch manchmal wohnt ihr auch etwas Leichtes inne. In der Gmündner Handelsakademie weiß man die Gewohnheit zu schätzen: "Ahoj, jak to lo?" ("Hi, wie lief es?", Anm.) "Danke, ging gut. Die Fragen waren dieses Mal leichter." Tomá und David lachen. Was wie ein gewöhnlicher Dialog zwischen zwei Schülern über eine Schularbeit klingt, hat in Wahrheit größere Bedeutung.

Noch vor 30 Jahren wäre in Gmünd (5300 Einwohner) niemand auf die Idee gekommen, tschechisch zu sprechen. Die Tschechen, das waren "die Anderen" in České Velenice (3500 Einwohner), da drüben, auf der anderen Seite der Stadt. Seit dem Ende der Monarchie vor hundert Jahren teilt die Staatsgrenze die Waldviertler Gemeinde. Gewaltsam und blutig verlief ihre Geschichte in den darauffolgenden Jahrzehnten. Heute versucht man, darüber hinwegzukommen.

"Die Grenze war gesichert mit Stacheldraht und Wachtürmen", erinnert sich Reinhard Ettmüller. "Es wurden Menschen erschossen, die versucht haben von der Tschechoslowakei nach Österreich zu kommen." Ettmüller, grau melierter Bart, rahmenlose Brille, dunkelblauer Pullover, unterrichtet in der Gmündner Handelsakademie Deutsch, Politische Bildung, Geschichte. Er ist zuständig für die Koordination der tschechischen Schüler, die hier, in dem hellgrauen, schlichten 70er-Jahre-Bau in die Schule gehen.

Die Schule gilt als Vorzeigeprojekt der Zusammenführung von Tschechen und Österreichern. Die Klassen sind durchmischt. So, wie es bis 1918 üblich war. Unterrichtet wird auf Deutsch, die erste Fremdsprache ist Englisch. Als zweite Fremdsprache können die Schüler zwischen Französisch und Tschechisch wählen. Rund die Hälfte entscheidet sich für die Sprache der Nachbarn.

Als im November 1989 der Eiserne Vorhang fiel, standen sich die Bewohner nach Jahrzehnten der Trennung mit staunenden Blicken wieder gegenüber. Jeder, der konnte, besuchte die andere Seite. In Grau- und Brauntönen gekleidete Velenicer trafen auf Gmündner in farbenfroher Kleidung der 80er Jahre. Die beiden Städte hatten sich in zwei Geschwindigkeiten entwickelt, die Unterschiede waren frappant.

Auf der einen Seite mäßig gefüllte Regale mit Gemüse in Einmachgläsern, billige Zigaretten. Zahlreiche Lautsprecher verbreiteten Parteipropaganda in den Straßen. Auf der anderen Seite eine scheinbar unendliche Auswahl an Mandarinen, Bananen, Sportschuhen, zahlreiche Schilder mit Werbereklame. "Für sie war es wie ein Märchenland", sagt Ettmüller. "Und auch wir konnten endlich rüber."