Wien. Im Herbst rücken sie wieder aus. Männer und Frauen, mit Laptops und Fragebögen ausgerüstet, die rund 3500 österreichische Haushalte zu ihrem Vermögensstand befragen. Die Interviews sind freiwillig aber intensiv, denn die Interviewer haben sich vorbereitet. Sie haben Informationen wie etwa die Lage der Häuser oder die Verkehrswerte der Liegenschaften zusammengetragen. Gibt ein Manager ein Bruttogehalt von 2000 Euro als Vermögen an und sitzt in einem 300-Quadratmeter-Haus in bester Lage im Wert von zwei Millionen Euro, haken die Befrager mit ihren Kontrollfragen dezent nach.

Die Basis einer Debatte

Bei der letzten Befragung durch die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) betrug die Rücklaufquote 56 Prozent. Diese Haushalte liefern seither die Basis für hitzige Debatten - für oder gegen Vermögenssteuern; über die Schieflage der Reichtumsverteilung in Österreich; über den "Gini-Koeffizienten", der die Ungleichheit in einem Land misst.

Die OeNB-Zahlen zeigen, dass Vermögen in Österreich stark konzentriert ist. Die reichsten fünf Prozent besitzen demnach 48 Prozent des Vermögens von insgesamt einer Billion Euro. Das beflügelt jene - von SPÖ bis Gewerkschaft -, die für eine Vermögenssteuer eintreten und damit die Schräglage begradigen wollen. Finanzminister und ÖVP-Chef Michael Spindelegger kämpft gegen diese Steuern. Er verweist einerseits auf die ausgeprägte Umverteilung von Reich zu Arm in Österreich. Andererseits sieht er den "Reichtum breiter aufgestellt", das heißt: Er traut den OeNB-Zahlen nicht.

"Pi mal Daumen"

Im aktuellen "Trend" sagt Spindelegger: "Als Finanzminister handle ich gern auf Basis solider Daten. Ich zweifle an Schätzungen Pi mal Daumen, die auf Umfragen basieren. Meine Empfindung ist, dass der Reichtum breiter aufgestellt ist. Es gibt keine soliden Daten, wie das Vermögen in Österreich verteilt ist."

Bei Nationalbankern, die namentlich nicht genannt werden wollen, treffen die Äußerungen Spindeleggers auf Unverständnis. "Das Pi-mal-Daumen-Umfrage zu nennen, ist abschätzig. Seit 2006 arbeitet eine Gruppe in der Europäischen Zentralbank mit den namhaftesten Experten der amerikanischen Notenbank FED daran. Auf internationalem Niveau findet man nichts Besseres", heißt es zur "Wiener Zeitung". Außerdem würden die wichtigsten Statistiken auf Umfragen basieren.

"Man kann die Daten nur deswegen kritisieren, weil sie die Vermögensverhältnisse und die Ungleichheit der Verteilung verharmlosen", heißt es weiter. Das wäre dann das Gegenteil dessen, was Spindelegger vermutet.

In der Erhebung kommt das oberste Prozent der Haushalte gar nicht vor. Dort sind die Superreichen zu Hause wie die Familie Porsche&Piech mit 44,8 Milliarden Euro, Didi Mateschitz mit 7,5 Milliarden oder Novomatic-Gründer Johannes Graf, der laut "Trend-Liste" über 5 Milliarden verfügt. Superreiche machen bei Befragungen wie jener der OeNB ungern mit. Und selbst wenn, wäre die Abweichung zwischen Porsche auf Platz 1 und Richard Lugner mit 145 Millionen auf Platz 98 derart groß, dass einzelne Stichproben nie repräsentativ sein können. "Wäre die Umfrage verpflichtend, mit Sanktionen bei Nichtauskunft, würde man eine noch höhere Vermögenskonzentration nachweisen", heißt es aus der OeNB. In Frankreich gehen die Behörden ebenfalls so vor, in den USA korrigiert die FED die Zahlen, indem sie Gruppen, die weniger Auskunft geben, stärker einrechnet.

Die Europäische Zentralbank (EZB) arbeitet wiederum die "Forbes"-Reichenliste in ihre Zahlen mit ein. Auf beide Varianten des "Oversamplings" verzichtet die OeNB-Erhebung. Was noch dazu kommt: Unter den befragten Haushalten findet sich kein einziger, der eine Stiftung besitzt. Nun gehen Vermögen und Stiftungen in Österreich aber Hand in Hand.

Stiftungen unter Verschluss

Für die Einbeziehung der Stiftungen müsste das Finanzamt der Nationalbank die entsprechenden Daten zur Verfügung stellen, das soll bisher aber nicht erfolgt sein.

Die Universität Linz hat ein "Oversampling" vorgenommen. Das verstärkt die Konzentration der Vermögen bei den obersten fünf Prozent auf 57 Prozent - noch exklusive Stiftungseffekt. Diese Korrektur wird durch ähnliche Berechnungen der EZB bestätigt.

Die Linzer Studie wurde von der Arbeiterkammer in Auftrag gegeben. Die Arbeiterkammer verwendet sie seither als Argumentarium für neue Vermögenssteuern. Das verstärkt das Misstrauen der Vermögenssteuer-Gegnern bei ÖVP oder Wirtschaftskammer gegenüber den Daten.

Dieser Einwand relativiert sich, wenn man sich den Grund ansieht, warum die EZB überhaupt 2006 begann, Vermögen zu erheben. "Das hatte null mit Verteilungsfragen zu tun, es ging rein um Fragen der Finanzstabilität", sagt der WU-Professor, Wilfried Altzinger, der intensiv mit den OeNB-Daten arbeitet und hinsichtlich ihrer Qualität auf ein 120-seitiges Methodenhandbuch der OeNB verweist.

Die EZB sah im Vorfeld der Finanzkrise die Instabilitäten am Geldmarkt wachsen. Deswegen wollte sie mehr über die Auswirkungen ihrer Politik auf das Anlageverhalten insbesondere von Vermögenden herausfinden. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, beschleunigte das den Prozess. Die Umfrage-Welle rollte in Europa an, und auch die Nationalbank schickte ihre Leute aus.

Beschlossen wurde damals, die Befragungen alle drei Jahre durchzuführen. Im Herbst ist es wieder so weit. Bleib abzuwarten, ob das Finanzministerium bis dahin eine alternative Berechnungsmethodik vorschlägt oder mit seinen Daten die Nationalbank-Daten korrigiert.