In Ohio stand das Ergebnis schon frühzeitig fest. Während in anderen Schlüsselstaaten noch ausgezählt wurde, hatte J.D. Vance bereits wenige Stunden nach Wahlschluss so viele Stimmen beisammen, um das Rennen um den Einzug in den Senat klar für sich zu entscheiden. Am Ende lag der republikanische Kandidat mit 6 Prozentpunkten Abstand vor seinem demokratischen Rivalen Tim Ryan voran.

Der 38-jährige Vance war vor einigen Jahren noch ein entschiedener Gegner von Ex-Präsident Donald Trump gewesen. In seinem 2016 veröffentlichen autobiografischen Bestseller "Hillbilly-Elegie", in dem viel über den Groll gegen die Eliten im fernen Washington erzählt wird, gab er einen ebenso detaillierten wie schonungslosen Einblick in jene Gesellschaftsschicht, die Trumps Aufstieg ermöglichte. Dann vollzog Vance allerdings eine radikale Kehrtwende. Aus dem Trump-Gegner wurde ein Trump-Befürworter, dessen Wahlkampf zu einem Großteil vom ultralibertären Tech-Milliardär Peter Thiel finanziert wurde.

Die Wahl von Vance in Ohio markiert den deutlichsten Sieg eines von Trump unterstützten Kanidaten bei diesen Midterms. Viele andere Bewerber, die sich in den parteiinternen Vorwahlen mit aktiver Mithilfe des Ex-Präsidenten durchgesetzt hatten, erwiesen sich trotz der für die Republikaner eigentlich günstigen Wirtschaftslage aber als deutlich weniger zugkräftig als erhofft. In Pennsylvania musste sich der in der Talkshow von Oprah Winfrey zur Berühmtheit gelangte TV-Promi-Doktor Mehmet Oz im Senatsrennen Vize-Gouverneur John Fetterman geschlagen geben, in Georgia lag der zuletzt favorisierte Politik-Neuling und Ex-Football-Star Herschel Walker hinter seinem demokratischen Kontrahenten Raphael Warnock zurück.

"Kandidaten waren schwach"

Auch bei den Gouverneurswahlen schnitten Trumps Kandidaten in umkämpften Bundesstaaten zum überwiegenden Teil schlecht ab. In Arizona blieb der Durchmarsch der ehemaligen TV-Moderatorin Kari Lake, die sich bis zuletzt nicht dazu bekennen wollte, das Wahlergebnis auch im Falle einer Niederlage anzuerkennen, aus. In Wisconsin verlor der glühende Trump-Verehrer Tim Michels das von den Republikanern als sicher angesehene Rennen gegen den amtierenden Gouverneur Tony Evers.

Immer offensichtlicher wird damit, dass die republikanische Partei zunehmend ein Problem mit jenem Mann hat, der nach seinem unrühmlichen Abgang aus dem Weißen Haus rasch wieder die Macht über die Grand Old Party zurückgewinnen konnte. Denn Trump hat als Königsmacher in den Vorwahlen vor allem solche Kandidaten unterstützt, die sich durch bedingungslose Loyalität zu ihm auszeichneten und bereitwillig seine Falschbehauptung von der gestohlenen Präsidentschaftswahl 2020 verbreiteten. Je lauter und extremer ein Bewerber Trumps "Make America great again"-Agenda vertrat, desto eher wurde ihm die Gunst des Immobilien-Tycoons aus New York und der rechten Parteibasis zuteil. Die von Parteigranden wie Senatsminderheitsführer Mitch McConnell argwöhnisch beäugte Verengung auf radikale Trump-Befürworter spülte allerdings Politiker nach oben, die nicht nur für Wechselwähler unwählbar waren, sondern vielfach auch nicht über das polithandwerkliche Rüstzeug verfügten. "Das waren keine guten Kandidaten. Sie fühlten sich Trump mehr verbunden als allem anderen", sagt der republikanische Politanalyst Erick Erickson gegenüber der "Washington Post". "Die Qualität der Kandidaten spielt ganz klar eine Rolle."

Konkurrenz für Trump

Vor allem in Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen 2024, für die Trump in den nächsten Tagen seine Kandidatur bekannt geben dürfte, gibt es auch schon erste öffentliche Absetzbewegungen. So gab es nicht nur aus dem Umfeld von Floridas Gouverneur Ron DeSantis, der nach seinem mehr als klaren Sieg bei den Midterms derzeit Trumps schärfster Rivale ist, Kritik am ehemaligen Präsidenten, sondern auch von jenen hochrangigen Republikanern, denen Trump die Unterstützung im Wahlkampf verweigert hatte. Tim Scott, der wiedergewählte Senator aus South Carolina, und Virginias Gouverneur Glenn Youngkin nutzten die öffentlichen Auftritte nach ihren Wahlsiegen sogar dafür, um ihre eigenen Ambitionen für ein Antreten bei der Präsidentschaftswahl in zwei Jahren publik zu machen.

Dass Trump angesichts des schwachen Abschneidens seiner Kandidaten seinen bisherigen Kurs überdenkt, scheint dennoch unwahrscheinlich. "Wenn meine Kandidaten gewinnen, sollte ich die ganzen Lorbeeren bekommen", sagte der 76-Jährige am Wahltag in einem Interview mit dem Fernsehsender NewsNation. "Wenn sie verlieren, sollte man mir aber auf keinen Fall die Schuld dafür geben."