Gut Ding braucht Weile und am Ende werden sie es – wahrscheinlich, hoffentlich – doch noch irgendwie hinbekommen. Mit Stand Mittwoch früh Ostküstenzeit und 71 Prozent an ausgezählten Stimmen heißen die führenden der Iowa Caucuses Pete Buttigieg und Bernie Sanders.

Bei der ersten Abstimmung der Parteibasis der Demokraten über die Frage, wer im Herbst gegen Präsident Donald Trump antreten soll, konnten der 38-jährige Ex-Bürgermeister von South Bend, Indiana, und der 40 Jahre ältere Senator von Vermont offenbar die Mehrheit der Stimmen einheimsen (26,8 beziehungsweise 25,2 Prozent, Stand kurz nach Mitternacht).

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden ist in Iowa nur auf dem enttäuschenden vierten Platz gelandet. - © Reuters/Rick Wilking
Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden ist in Iowa nur auf dem enttäuschenden vierten Platz gelandet. - © Reuters/Rick Wilking

Deutlich hinter ihnen Elizabeth Warren, Senatorin von Massachussets, mit rund 18 Prozent. Relativ abgeschlagen auf Platz vier jener Kandidat, der bundesweit nach wie vor die Umfragen anführt: Joe Biden, Vizepräsident unter Barack Obama, 16 Prozent. Fix war das alles erst kurz nachdem das nächste wichtige Ereignis im innenpolitischen Kalender über die Bühne gegangen war: Am Dienstagabend gab Trump seine alljährliche "State of the Union", die in ihrem angriffigen Ton mehr an eine Wahlkampfrede als an einen Bericht über die Arbeit seiner Regierung erinnerte.

Die Rede zur Lage der Nation als "Trump-Show"

Gleich zum Auftakt machte der Präsident mit einer kleinen, aber vielsagenden Geste klar, wohin die Reise gehen würde, indem er Nancy Pelosi, der Mehrheitssprecherin im Repräsentantenhaus, den Handschlag verweigerte. Nachdem Trump die erste Hälfte mit ausreichend Lob für sich selbst und seine Administration ("Die beste Wirtschaft aller Zeiten", "Das stärkste Militär!", "Die großartigsten Handelsabkommen der Geschichte!") sowie der üblichen Mischung aus kruden Halbwahrheiten und haarsträubenden Lügen verstreichen hatte lassen, konzentrierte er sich auf seine Kernthemen: Er erzählte vom Fortschritt beim großen Mauerbau zu Mexiko, lobte die Arbeit der Immigration and Customs Enforcement (ICE), die seit seinem Amtsantritt de facto unkontrolliert Jagd auf sich illegal im Land befindliche Ausländer macht und forderte das Recht, überall und allerzeit in den USA Waffen tragen zu dürfen.

Zwischendurch ließ er Rush Limbaugh, einem seit Jahrzehnten so erfolgreichen wie rechtsextremen Radio-Talk-Show-Moderator, der diese Woche bekannt gab, dass er an fortgeschrittenem Lungenkrebs leide, von seiner Frau Melania die Presidential Medal of Freedom verleihen, die höchste zivile Ehre des Landes.

Mit anderen Worten: Trump nutzte die Aufmerksamkeit, die ihm die Rede zur Lage der Nation bescherte, um die erste große Duftmarke im Präsidentschaftswahlkampf 2020 zu setzen – wie üblich ohne Rücksicht auf jegliche Konventionen und zivilisatorische Errungenschaften. Während im Kongress die Trump-Show über die Bühne ging, wurden in Iowa immer noch Stimmen gezählt und bis zumindest das erste Zwischenergebnis feststand, hieß es warten – lange.

Menschliches Versagen und neues System Schuld an Verzögerung

So lange, dass die Kandidaten am Montagabend ihre Dankesreden allesamt zu einem Zeitpunkt halten mussten, an dem noch kein einziger von ihnen wusste, wie die Wahl ausgegangen war. Schuld daran trug offenbar menschliches Versagen sowie ein erst kürzlich eingeführtes System, das die Ergebnisse aus den insgesamt rund 1.700 Abstimmungsorten per App an die Zentrale der Iowa Democratic Party (IDP) in Des Moines schicken sollte.

Allem Anschein nach funktionierte die App zwar – umgehend aufflammende Gerüchte, dass sie schneller zusammen gekracht war als Donald Trump "Hexenjagd!" sagen kann, erwiesen sich als falsch –, aber weil sich manche der eintrudelnden Ergebnisse laut dem IDP-Kommunikationschef als widersprüchlich erwiesen, entschied man sich für eine ausgeweitete "Qualitätskontrolle". Grausame Ironie des Schicksals: In den sozialen Medien machte schnell das Gerücht die Runde, dass die Applikation vom Wahlkampfstrategen Robby Mook miterarbeitet und abgesegnet worden war.

Der 40-jährige war 2016 der Wahlkampfmanager von Hillary Clinton. Mit der App hatte Mook persönlich nichts zu tun – aber quasi indirekt dafür, dass sich der Prozess des Stimmenauszählung diesmal so kompliziert gestaltete wie nie zuvor in der Geschichte der Iowa Caucuses. Weil sich vor vier Jahren die Kampagne von Sanders, der Clinton damals ebendort nur knapp unterlegen war, derart über das Wahlsystem aufgeregt hatte, das ihren Kandidaten angeblich benachteiligt habe, verlangte sie eine Reform – und bekam sie. Was wiederum dazu führte, dass 2020 im Namen der Transparenz jede einzelne Stimme und jede neue Caucus-Runde bis ins Letzte dokumentiert werden musste.

Intensive Verbreitung von Lügen überraschte

Davon abgesehen war es im Wahlkampf-Finale da und dort zu den üblichen kleinen Scharmützeln zwischen den Camps der Kandidaten gekommen, aber was weit mehr überraschte, war die Intensität, mit der rechte und rechtsradikale Elemente die Abstimmung mittels Instrumentalisierung der sozialen Medien von vornherein zu diskreditieren trachteten – ein Vorgeschmack darauf, was das Land in den kommenden zehn Monaten bis zur Präsidentschaftswahl am 3. November erwartet.

Prominentestes Beispiel von vielen an diesem Abend: Charlie Kirk, Erfinder der von ihm gegründeten (und steuerbefreiten) NGO "Turning Point USA" und Vorsitzender der "Students for Trump", setzte kurz vor dem Urnengang das Märchen in die Welt, dass es in Iowa nicht mit rechten Dingen zugehe, weil in manchen Wahlbezirken angeblich "über 100 Prozent" an Wählern registriert seien: "Verhindert den Wahlbetrug!" Eine glatte Lüge, aber der 26-jährige, aus wohlhabenden Verhältnissen stammende Studienabbrecher aus Illinois, der selbst den Mittelschul-Abschluss nur mit Ach und Krach schaffte, hat allein auf Twitter 1,5 Millionen Follower und die meisten davon glauben ihm das. Zum Vergleich: Iowa zählt 3,1 Millionen Einwohner.

Vorwahl in New Hampshire per Stimmabgabe

Die nächste Vorwahl findet in einer Woche, am Dienstag, den 11. Februar, im Bundesstaat New Hampshire statt. Im Gegensatz zu Iowa wird dort nicht mit der Caucus-Methode, sondern per Stimmabgabe entschieden. Sanders, dessen Sieg über Clinton vor vier Jahren dort seinen Aufstieg zum ernsthaften Konkurrenten um die Nominierung festigte, wird laut Umfragen eine Wiederholung dieses Erfolgs vorhergesagt. Was für ihn in punkto Nominierung jetzt noch immer nicht viel heißt, aber für Joe Biden den nächsten schweren Nackenschlag bedeuten könnte – wovon wiederum vor allem Buttigieg profitieren könnte, der wie er um eher moderate Wähler wirbt.

Wenn der 77-jährige im "Granite State" ein ähnliches Schicksal erleidet wie in Iowa, wird es schon jetzt eng für ihn – da hilft auch die zu erwartende, traditionell starke Unterstützung für ihn durch die mehrheitlich afro-amerikanische Basis in South Carolina nichts. (Die erste Primary im Süden des Landes findet am 29. Februar statt, eine Woche vor den Nevada Caucuses). Immerhin hat Biden damit etwas mit den Iowa Caucuses gemeinsam: Über seiner wie ihrer Zukunft steht mittlerweile mehr als ein großes Fragezeichen.