Joe Biden hat in seinem Leben viele Triumphe und Tragödien erlebt. Seinem großen Ziel ist der 77-Jährige jetzt einen Schritt näher kommen: Im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten fuhr der frühere Vizepräsident am Dienstag erneut einen wichtigen Erfolg ein.

Der Mitte-Politiker gewann bei den Vorwahlen in mindestens vier (neben Michigan auch Idaho, Mississippi und Missouri) von sechs US-Staaten gegen seinen linksgerichteten Rivalen Bernie Sanders. North Dakota ging an Sanders, Washington war zu Redaktionsschluss noch nicht ausgezählt. Biden trat am Wahlabend selbstbewusst wie selten zuvor vor die Kameras: Er versprach ein "Comeback für die Seele dieser Nation" - und bot Sanders eine Zusammenarbeit an. "Wir haben ein gemeinsames Ziel. Zusammen werden wir Donald Trump besiegen."

Doch noch hat der 78-jährige Sanders das Handtuch nicht geworfen. Bei der TV-Debatte am Sonntag - die sie erstmals nur zu zweit bestreiten - wird der wortgewaltige Sanders Biden wohl ordentlich einschenken. Trotzdem scheint eine Nominierung Bidens derzeit als ausgemachte Sache.

Das Vorwahl-Rennen war für Biden eine schwindelerregende Achterbahnfahrt: Lange Zeit klarer Favorit, schnitt Biden bei den ersten Vorwahlen im Februar miserabel ab und wurde von vielen schon abgeschrieben.

Bidens Vergangenheit nötigt Amerikanern Respekt ab

Biden ist Tiefschläge gewonnt - privat wie beruflich. 1972 starben seine erste Frau und seine kleine Tochter bei einem Autounfall, die zwei Söhne überlebten schwer verletzt. Sein Sohn Beau verstarb 2015 an einem Hirntumor.

Politisch steckte Biden einige Niederlagen ein. Zwei Mal schon bewarb sich der langjährige Senator um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten und scheiterte krachend. 2008 machte Wahlsieger Barack Obama ihn acht Jahre lang zu seinem Vizepräsidenten. Mit dieser Erfahrung will Biden punkten. Viele Demokraten halten Biden, der als Brückenbauer gilt und sich für gemäßigte Reformen einsetzt, für den besten Trump-Herausforderer - die ausgeschiedenen Präsidentschaftsbewerber haben sich nahezu geschlossen hinter den Ex-Vizepräsidenten gestellt. Bei wichtigen Wählergruppen wie Afroamerikanern, Arbeitern und Frauen genießt Biden großen Rückhalt.

Doch seine Schwächen sind nicht zu übersehen: Bei Wahlkampfauftritten und TV-Debatten hatte der 77-Jährige, der als Kind stotterte, oft Schwierigkeiten, seine Argumente geordnet vorzutragen. Seine verbalen Aussetzer sind legendär. Erst kürzlich verkündete er Anhängern, er kandidiere für den Senat anstatt für das Weiße Haus. Trump verspottet ihn regelmäßig als "schläfrigen Joe".

Biden hat auch große Schwierigkeiten, bei jüngeren Wählern zu punkten. Zwar gilt "Onkel Joe" als volksnah und kumpelhaft; er kann sich aber auch im Ton vergreifen. Am Dienstag bezeichnete er einen Arbeiter in einem hitzigen Wortgefecht über das Waffenrecht als "verdammten Lügner".

Nach seinen neuen Vorwahl-Erfolgen aber gab sich Biden staatsmännisch: "Heute sind wir unserem Ziel einen Schritt näher gekommen, Anstand, Würde und Ehre im Weißen Haus wiederherzustellen."(afp)