Laut Umfragen liegt Joe Biden derzeit vor Donald Trump. Aber laut solchen Umfragen hätte 2016 auch Hillary Clinton im US-Präsidentschaftswahlkampf gegen Donald Trump gewinnen müssen. Der Schweizer Datenforscher Christoph Glauser und sein Team hatte bereits 2016 prognostiziert, dass Trump gewinnen wird. Als einziges Institut. Das Geheimnis: Umfragewerte werden nicht berücksichtigt, sehr wohl aber das Suchverhalten im Internet. Laut Glausers aktueller Datensichtung wird Trump auch 2020 gewinnen. Warum, erklärt er im Interview mit der "Wiener Zeitung".

"Wiener Zeitung": Welche digitalen Daten haben Sie ausgewertet?

Christoph Glauser: Wir messen auf sämtlichen Suchfeldern, was Leute in den USA eintippen, inklusive Social Media. So berücksichtigen wir 247 Millionen aktive Internet-User in den USA, bei denen wir die Suche mitmessen. Es sind keine personenbezogenen Daten, da geht es nur um den Inhalt. Man sieht etwa, wie häufig Trump, Biden oder Corona eingegeben werden.

Christoph Glauser ist Online-Forscher und Politologe. Er leitet in Bern das Institut für Angewandte Argumentenforschung, IFAA. privat
Christoph Glauser ist Online-Forscher und Politologe. Er leitet in Bern das Institut für Angewandte Argumentenforschung, IFAA. privat

Trump wird einerseits häufiger gegoogelt, weil er eben auch amtierender US-Präsident ist. Und weil er oft umstrittene Dinge sagt, er polarisiert. Wo machen Sie den Unterschied im Online-Verhalten: das Googeln von Trump, weil man sich ärgern möchte - und das Googlen, weil man mit dem Gedanken spielt, ihn zu wählen?

Trotzdem ist in Europa die Suchnachfrage nach beiden Kandidaten - Trump und Biden - ähnlich hoch. In Österreich wird nur doppelt so viel nach Trump wie nach Biden gesucht. In den USA ist es aber eindeutig Donald Trump. Er wird fünfmal häufiger nachgefragt als Biden. Natürlich profitiert er vom Präsidenten-Bonus und von den Provokationen. Aber trotzdem sagt es einiges aus, dass der Unterschied im Suchvolumen so groß sind. Wir gehen davon aus, dass man geringer Chancen hat, gewählt zu werden, wenn man diese Präsenz nicht hat. Denn wenn sich Menschen mit einem Kandidaten auseinandersetzen, hat der die größere Visibilität. Das ist bei Personenwahlen wie den US-Präsidentschaftswahlen nicht zu unterschätzen.

Was ist mit jenen US-Bürgern, die Trump googlen, weil sie sich über ihn aufregen wollen, und nach Biden gar nicht suchen, weil sie ihn ohnedies wählen möchten?

Wenn wir über die USA reden, gibt es vereinfacht wahrscheinlich ein Drittel, die eingefleischte Trump-Wähler sind. Dann ein Drittel Demokraten, die erst gar nicht nach Biden googeln müssen. Und dann gibt es ein Drittel Unentschlossene. Und um die Wechselwähler in der Mitte geht es ja. Bei denen spielt die Präsenz des Kandidaten eine wichtige Rolle.

Kann es wirklich so einfach sein? Derjenige, der den Diskurs dominiert, wird gewählt, losgelöst vom Inhalt?

Ja, es gibt einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Stimmen und der digitalen Nachfrage. Bei der Stadtregierungswahl in Zürich haben wir beispielsweise eine Woche vor den Wahlen gemessen. Unsere Prognose hat sich dann um nur ein Prozent von dem Wahlresultat unterschieden. So ein Ergebnis ist mit Umfragen fast nicht zu erzielen. Wir haben digital einfach auch einen extrem großen Datensatz. Die Suchnachfrage von 247 Millionen Amerikanern ergibt ein ganz gutes Bild. Es sind unverfälschte Daten, sie stammen nicht aus einer Befragungssituation.

Kaufen Sie die Datensätze zu, die Sie verwenden?

Nein, wir entwickeln Programmierschnittstellen für diverse Kanäle. Da machen Anbieter aus diversen Ländern gerne mit, um eine gute Position zu haben.

Sie haben auch die aktiven Online-Auftritte der Kandidaten selbst untersucht. Hat Biden noch eine Chance, im Internet zu gewinnen?

Es ist schon etwas spät. Wahlkämpfe sind langfristige Geschichten. Wir haben schon am Anfang des Jahres mit den Messungen angefangen. Joe Biden ist vor allem im Sommer abgetaucht, in seinen Keller, natürlich aufgrund von Corona. Es ist schwierig, diese Zeit wieder gutzumachen. Es ist natürlich nicht auszuschließen, dass sich Trump bis dahin selbst diskreditiert. Allerdings hat er das bisher immer wieder gutmachen können, indem er etwa sagt, dass es Fake News seien. Ich gehe davon aus, dass sich Trump auch bei den Fernsehdebatten besser schlagen wird, einfach weil er mehr Charisma hat und mehr provoziert.

Nachrichtentechnisch hat Trump immer das doppelte Volumen. Einmal wird berichtet, was er gesagt hat. Dann wird berichtet, dass er das Gesagte dementiert. Da kommt Biden nicht mit.

Genau. Wir haben auch die Tweets analysiert. Trump twittert am Tag 37 Mal. Biden 14 Mal. Auch hier dominiert Trump. Es gibt auch viele Retweets dieses Jahr von ihm. Im Frühjahr, als Corona ausgebrochen ist, musste Trump kurzzeitig seine Top-Position auf Twitter an das Virus abtreten. Da wurde auch im Internet häufiger nach Corona als nach Trump gesucht. Das hat sich aber relativ rasch wieder zurückgedreht. Trumps Konkurrent im Internet ist also nicht Joe Biden, sondern das Coronavirus.

Wenn die Daten anonym sind: Wie schaffen Sie es, den Sieger vorauszusagen? 2016 hat Clinton die meisten Stimmen bekommen, Trump hat aber die meisten Wahlmänner erhalten. Also macht es einen Unterschied, in welchem Bundesstaat nach Trump gegoogelt wird. Da müsste man die Daten nach den Orten gewichten.

Ja, das können wir nicht. 2016 war speziell, weil es geheißen hatte, dass Clinton mit Sicherheit gewinnt. Wir haben an unseren Daten gesehen, dass Trump einen Vorsprung hat. Und diesmal ist der Vorsprung auf Joe Biden noch viel größer. Wie sich das am Wahltag auswirkt, ist, auch wegen des angesprochenen Wahlmänner-Systems, schwer zu sagen.