Wer Florida gewinnt, hat zwar nicht automatisch die Präsidentschaft sicher. Ohne den südöstlichsten Bundesstaat der USA ist das Unterfangen aber wesentlich schwieriger. 29 der 538 Wahlmänner werden hier vergeben, so viele wie nirgends in den sogenannten Battleground States, in denen weder den Republikanern noch den Demokraten die Mehrheit sicher ist. 2016 machte Donald Trump in Florida das Rennen, 2012 und 2008 war Barack Obama erfolgreich, die beiden Wahlgänge davor entschied George W. Bush für sich - im Jahr 2000 mit dem winzigen Vorsprung von 537 Stimmen.

Seit damals hat sich die Spaltung der Gesellschaft und der politischen Lager mit enormer Rasanz und Wucht entfacht. Und auch die Wählerschaft unterliegt einem rapiden Wandel. Fast drei Viertel der Wahlberechtigten Floridas waren bei der Präsidentschaftswahl 2000 weiß. Bei den sogenannten Midterm Elections 2018 sank der Anteil auf 61 Prozent. Das ergibt ein Minus von 13 Prozentpunkten binnen nur 18 Jahren.

Dieser Trend lässt sich in den gesamten Vereinigten Staaten beobachten. In jedem einzelnen der 50 Bundesstaaten ist der Anteil der Weißen an der Gesamtwählerschaft seit der Jahrtausendwende gefallen. In einem Fünftel sank er sogar im zweistelligen Bereich, am stärksten in Nevada mit minus 18 Prozentpunkten auf 58 Prozent. Damit rangiert der südwestliche Bundesstaat - hierzulande vor allem bekannt durch die Casino-Metropole Las Vegas - bereits deutlich unter dem nationalen Wert von 67 Prozent. Vor 18 Jahren waren noch drei Viertel der US-Wahlberechtigten Weiße.

Selbst Bill Clinton scheiterte

Viele Zahlen, eine Konsequenz: Die Wählerbasis der Republikaner erodiert. Denn Weiße sind die einzige ethnische Gruppe, in der die Partei von Präsident Donald Trump mehr Anhänger als die Demokraten hat. Diese liegen bei Latinos, Schwarzen und asiatischstämmigen Bürgern in der Gunst vorne. Die Entwicklung ist nicht neu, das zeigen Daten des renommierten Pew Research Centre in einer kürzlich vorgestellten Studie. Seit vier Jahrzehnten schneiden republikanische Präsidentschaftskandidaten bei Weißen besser ab als ihre demokratischen Kontrahenten. Selbst der charismatische Südstaatler Bill Clinton konnte diese Verhältnisse in den 1990ern nicht umkehren.


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Durch die rasante Bevölkerungsveränderung entsteht jedoch eine völlig neue Dynamik. Drei Viertel der 40 Millionen neuen Wahlberechtigten - insgesamt waren es 234 Millionen im Jahr 2018 - gehören Minderheiten an. Keine Wählergruppe wächst dabei schneller als die der Hispanics, deren junge Bevölkerung kommt nämlich zusehends ins wahlberechtigte Alter. Die Latinos stellten 2018 erstmals den größten Anteil nach den 158 Millionen Weißen. Fast 30 Millionen Hispanics waren damals wahlberechtigt, gegenüber 29 Millionen Schwarzen und zehn Millionen Asian-Americans.

Keine homogenen Gruppen

Der landesweite Trend spiegelt sich in Florida wider: Jeder fünfte Wahlberechtigte ist Latino, das bedeutet eine Verdoppelung seit 2000. Der "Sunshine State" zeigt aber ebenso, dass eine ethnische Gruppe keine homogene Einheit an den Urnen bildet. Überproportional viele Exilkubaner sympathisieren mit den Republikanern, oftmals gespeist aus ihrer Ablehnung des Castro-Regimes, das sie mit sozialstaatlichen Maßnahmen der Demokraten gleichsetzen. "Kein Sozialismus, kein Kommunismus, wir sind Kapitalisten", prangte etwa auf Spanisch auf dem Plakat eines Trump-Anhängers bei einer Wahlkampfveranstaltung. Vizepräsident Mike Pence trat vor rund zwei Wochen in Orlando bei den "Latinos for Trump" auf. Hingegen sympathisieren Personen, die aus Mexiko und Puerto Rico stammen, eher mit den Demokraten. Puerto Ricaner sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe innerhalb der Hispanics in Florida und schließen demnächst zu den alteingesessenen Kubanern auf.

Unter kubanisch-stämmigen Personen ist Trump populär, während Latinos mit Wurzeln in Mexiko und Puerto Rico zu den Demokraten tendieren. - © APAweb / AFP, Marco BELLO
Unter kubanisch-stämmigen Personen ist Trump populär, während Latinos mit Wurzeln in Mexiko und Puerto Rico zu den Demokraten tendieren. - © APAweb / AFP, Marco BELLO

Auf eine Latina-Kandidatin als Vizepräsidentin verzichtet Joe Biden dennoch. Der Kandidat der Demokraten sendet mit Kamala Harris, der Tochter eines Jamaikaners und einer Inderin, ein Signal, das insbesondere auf die afroamerikanischen Wähler zielt. Sie sind die treuesten Anhänger der Partei, acht von zehn sympathisieren mit den Demokraten. Was aber nicht heißt, dass sie auch zu den Urnen schreiten. Diese Erfahrung musste Hillary Clinton 2016 machen. Anders als Barack Obama fehlte es ihr an Popularität bei Schwarzen, prompt sank deren Wahlbeteiligung von 67 Prozent vier Jahre zuvor auf 60 Prozent. Noch schlechter waren 2016 die Werte bei Asian-Americans und Latinos. Von ihnen hat nicht einmal jeder Zweite gewählt. Die demografische Verschiebung muss also nicht zwangsläufig in Siege der Demokraten münden. Entscheidend ist die Mobilisierung der Wähler.

Von Corona getroffene Latinos

Bei Latinos sei das Interesse diesmal schwankend, schreibt der US-Journalist Christian Paz im Magazin "Internationale Politik und Gesellschaft". Denn die Corona-Pandemie treffe deren Bevölkerung besonders hart. Nicht nur seien 25.000 von ihnen bisher mit dem Virus verstorben, sondern auch drei Millionen arbeitslos geworden. Denn die Hispanics sind in erster Linie im Dienstleistungssektor tätig - ein Bereich, der von der Rezession besonders betroffen ist. Paz kritisiert auch die Kampagne von Joe Biden. Sie habe erst in den letzten drei Monaten vor der Wahl den Fokus stärker auf Latino-Wähler gelegt. Zudem ortet die Harvard-Forscherin Stephanie Valencia viele Hispanics, die das Gefühl haben, ihre Stimme mache keinen Unterschied. Sie seien ausgerechnet in den zwischen Trump und Biden umkämpften Bundesstaaten sehr zahlreich vertreten.

Je nördlicher, desto weißer

Neben Florida gelten Arizona, Michigan, North Carolina, Pennsylvania und Wisconsin als Battleground States. Hierbei gilt: Je nördlicher gelegen, desto weißer. Im Industriegebiet des "Rust Belt", zu dem Michigan und Pennsylvania zählen, sind acht von zehn Wahlberechtigten weiß. Die größte der kleinen Minderheiten stellen dort traditionell die Schwarzen. Neben der Vize-Kandidatin Harris hoffen die Demokraten auf einen Mobilisierungsschub durch die "Black lives matter"-Bewegung, also dank der Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Trump setzt derweil auf Bewährtes, ein männliches und weißes Kandidatenteam mit Mike Pence an seiner Seite. Damit reüssierte er vor vier Jahren sowohl im Rust Belt als auch im benachbarten Wisconsin. Die Republikaner vertrauten hier wie auch landesweit darauf, dass Weiße nicht nur die weitaus größte Wählergruppe bilden, sondern auch jene, die am häufigsten von ihrem Wahlrecht Gebrauch macht. Minderheiten gilt es für Trump weniger anzusprechen als zu demobilisieren - oft mithilfe von Werbung auf Facebook. Das wies der britische TV-Sender Channel 4 nach, dem die gesamte Datenbank der Trump-Kampagne von 2016 zugespielt worden war. Insbesondere Schwarze sollten vom Wählen abgehalten werden. Der Plan ging auf.

Angesichts der Bevölkerungsentwicklung kann die Demobilisierung nur eine kurzfristige Lösung für die Republikaner sein. Vor allem müssen sie in Zukunft Latinos an sich binden. Sonst sind als Erstes Hochburgen im Süden in Gefahr. Von Florida ganz zu schweigen.