Die Erfindung von Telefon und Dynamo, von Satelliten und Software sind nur einige Beispiele: Seit Jahrhunderten definiert der Westen die technischen Standards. Auch die neue Mobilfunkgeneration 5G wird die Welt verändern, genauso, wie ihre Vorgänger. Nur dieses Mal ist es nicht der Westen, der das Tempo vorgibt, sondern Huawei, ein Anbieter aus China.

Seither schüren westliche Regierungen die Angst, dass die Volksrepublik die digitale Welt von morgen bestimmen könnte. China könnte den Westen mit der neuen Technologie abhören und sabotieren, warnt allen voran der bisherige US-Präsident Donald Trump. Außerdem könne einem Land mit kommunistischer Führung nicht vertraut werden, sagt sein Außenminister Mike Pompeo. Mitte Juli sprach die USA sogar ein Handelsverbot für Huawei aus. Westlichen Verbündeten wird seither eindringlich nahegelegt, dem US-Verbot zu folgen - das der kommende US-Präsident Biden einen anderen Weg einschlägt, ist unwahrscheinlich.

Der Aufruf zum Boykott trägt Früchte. Nach Australien und Neuseeland schlossen auch europäische Länder wie Großbritannien, Frankreich und Belgien Huawei aus ihren Netzen aus. Auch andere (west-)europäische Länder könnten Peking bald den Rücken kehren. Ihre Argumentation gleicht immer häufiger jener der USA. Und außerdem: lieber dem alten Handelspartner folgen, als selbst eine Lösung finden. So war es schon immer, so ist es Europa gewohnt.

Gegenüber China zeigt sich der alte Kontinent hingegen stets reserviert, ängstlich, misstrauisch. Mit seinen Billigwaren würden die Asiaten den europäischen Markt überschwemmen und ruinieren, so die weit verbreitete Ansicht. Doch taugt die Rede vom Feindbild China, das Europa nur abzockt?

Vom Tellerwäscher zum Millionär

"Das Leben war sehr hart. Aber das motivierte mich gleichzeitig." Sätze wie diese lässt Li Shufu gerne fallen. Sie erzählen seine Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär, eine Geschichte, die eigentlich für die Aufstiegschancen in den USA steht, für den amerikanischen Traum. Doch diese hier ist aus China.

Li Shufu wuchs als eines von vier Kindern einer armen Bauernfamilie auf, in einem Dorf rund 400 Kilometer südlich von Shanghai. Das Leben als Bauer entsprach aber nicht seinen Vorstellungen. Seinen ersten Job verschaffte er sich noch als Schuljunge. Er lieh sich Geld von seinem Vater, kaufte eine Kamera und fotografierte die Dorfbewohner. Das Geld, das er verdiente, investierte er, immer und immer wieder. In ein Fotostudio, in eine kleine Fabrik zur Fertigung von Kühlschrankteilen, für den Bau von Motorrädern und schließlich für den Bau von Autos.

Investoren wie Li Shufu (l.) ermöglichen europäischen Unternehmen den Zugang zum Markt in China. EU-Ratspräsident Charles Michel lauscht seinen Ausführungen. - © Belga
Investoren wie Li Shufu (l.) ermöglichen europäischen Unternehmen den Zugang zum Markt in China. EU-Ratspräsident Charles Michel lauscht seinen Ausführungen. - © Belga

Heute besitzt Shufu ein Vermögen von umgerechnet mehr als 15 Milliarden Euro, seine Firma Geely verkauft 1,4 Millionen Fahrzeuge (2019, Anm.) pro Jahr. Er gehört damit zu den reichsten und einflussreichsten Personen in China.

Vor zwei Jahren wurde Shufu mit einem Schlag auch in Europa bekannt. Für etwa 7,5 Milliarden Euro erwarb er knapp 10 Prozent der Aktien der deutschen Industrie-Ikone Daimler und wurde damit ihr größter Einzelaktionär. Er werde Daimler helfen, zu einem der weltweit führenden Anbieter von Elektromobilität zu werden, gab er die Marschrichtung vor. Eine Marschrichtung, die er zuvor schon bei einem anderen europäischen Traditionsunternehmen eingeschlagen hatte.

Weitgehend unbemerkt übernahm er 2010 den schwedischen Autohersteller Volvo für 1,4 Milliarden Euro. Es war der Start seines Engagements im Westen. Volvo stand damals kurz vor dem aus, der US-amerikanische Eigentümer Ford hatte das Unternehmen heruntergewirtschaftet und keine Verwendung mehr dafür.

Knowhow aus Europa, Geld aus China

Mit schwedischem Knowhow und chinesischem Geld ging es bergauf. Statt Kündigungen wurden wenige Monate nach der Übernahme 1200 Stellen ausgeschrieben. Vor allem Ingenieure für Forschung und Entwicklung wurden gesucht. Das Ziel: die Entwicklung von massentauglichen Elektroautos. In der Branche damals noch belächelt, lacht heute niemand mehr.

2017 kündigt Volvo an, ab 2019 nur noch Modelle mit Hybrid- oder Elektroantrieben anzubieten. Als Flaggschiff wird die neue Konzernmarke Polestar gegründet. Als im Juni der 400 PS starke Polestar 2 präsentiert wird, überschlagen sich die Medien in Jubelmeldungen. Mit einer Reichweite von knapp 500 Kilometern, Android-Infotainment mit virtuellem Assistenten, Allradantrieb und Stimmerkennung auf Kommando, wird Polestar als Jäger des E-Marktführers Tesla gehandelt. Nächstes Jahr soll es auch einen E-Lkw für den Nahverkehr und Baustellenverkehr geben.

Zudem kündigte Volvo vor kurzem eine Zusammenarbeit mit Daimler bei der Entwicklung von Brennstoffzellen an. Am Montag wurde eine verbindliche Vereinbarung für die Gründung eines gemeinsamen Unternehmens unterzeichnet, die "Wiener Zeitung" berichtete.

Neben finanzieller Mittel für Innovation ermöglicht Li Shufu auch den Zugang zum weltweit größten Automarkt, jenen in China. Zuletzt sagte Daimler-Vorstandschef Olaf Källenius: "Der wachsende Wohlstand der Mittelschicht nützt Daimler. Wir erwarten daher in den nächsten zehn Jahren das größte Wachstum in China." Doch nicht nur Volvo und Daimler profitieren von der Zusammenarbeit mit der Volksrepublik. Bereits jedes dritte Auto der deutschen Industrie wird mittlerweile in China verkauft.

Yi Sun ist Leiterin der China Business Services für den deutschsprachigen Raum beim weltweit führenden Unternehmensberater Ernst & Young. Ihre Aufgabe ist es, europäische Unternehmen mit chinesischen Investoren zusammenzubringen. Es sind oftmals europäische Familienunternehmen, die bei ihr nach chinesischen Investoren fragen, erzählt sie. "Der Absatzmarkt in Europa ist in vielen Sektoren gesättigt, viele Unternehmen schauen sich daher nach Alternativen um." Und der Absatzmarkt Chinas ist der größte der Welt. Zudem wird China immer wohlhabender. "In einigen chinesischen Städten an der Küste verdienen hoch qualifizierte Menschen mehr als in Deutschland", sagt sie.

Im vergangenen Jahr gab es 182 Unternehmenszukäufe oder -beteiligungen chinesischer Unternehmen in Europa mit einer Investitionssumme von 17,3 Milliarden Dollar (15 Milliarden Euro). Zuletzt fiel die Zahl der Transaktionen zum dritten Mal in Folge, nachdem sie seit den 1990er Jahren kontinuierlich stieg. Am meisten Transaktionen gab es 2016, 85,8 Milliarden Dollar wurden investiert. Eine weitverbreitete Angst, dass China kritische Infrastruktur übernehmen könnte, ist übrigens unbegründet. In vielen europäischen Ländern müssen ausländische Investoren in sensiblen Bereichen eine behördliche Genehmigung einholen. In Österreich gilt dies bereits ab einer Anteilnahme von zehn Prozent.

Investitionen bis zu 250 Millionen Euro

Für gewöhnlich investieren chinesische Investoren 50 Millionen bis 250 Millionen Euro pro Übernahme, sagt Yi Sun. Am gefragtesten sind Industrie und Hightech, egal ob starke Anbieter oder Unternehmen mit schwachem Wachstum. Das Management würde in den meisten Fällen nicht ausgetauscht werden, auch der Produktionsstandort bleibe erhalten, sagt die Unternehmensberaterin. "Es soll ja weiterhin der europäische Markt bedient werden", erklärt sie. Für den chinesischen Markt werden hingegen zusätzliche Gesellschaften in der Volksrepublik gegründet.

Die meisten gekauften Unternehmen profitieren von der Übernahme. Das liegt auch an dem fairen Umgang mit den Mitarbeitern. Rüdiger Luz, Leiter der Abteilung Betriebspolitik bei der deutschen IG Metall, weist in einem Gespräch mit dem "Tagesspiegel" darauf hin: "Chinesische Investoren halten sich in aller Regel an die Gesetze und Tarifverträge."

Auch eine ausführliche Recherche von "Investigative Europe" ergab keine Belege für wirtschaftliche Schäden durch Chinas wirtschaftlichen Vorstoß nach Europa. China habe Firmen von Norwegen bis Griechenland Wachstum und Jobs gebracht. Erwähnt werden der Reifenkonzern Pirelli aus Italien, der Enzym-Spezialist Adisseo aus Frankreich, der Silikonproduzent Elkem aus Norwegen, der Schweizer Agrarchemiehersteller Syngenta und der deutsche Weltmarktführer für Kunststoff-Maschinen, Kraus-Maffei.

Den griechischen Hafen Piräus übernahm ebenso ein chinesisches Unternehmen, das seither auch Steuern bezahlt - im Gegensatz zu US-amerikanischen Techfirmen, die in Europa tätig sind. Innerhalb von zehn Jahren verwandelte der Betreiber, das staatliche Schiffsunternehmen Cosco, den maroden Provinzhafen in den größten Umschlagplatz im Mittelmeer. 2019 wurden 5,65 Millionen Container umgeschlagen. Doch damit nicht genug. Geht es nach den Vorstellungen der chinesischen Regierung, soll Piräus ein wesentlicher Bestandteil des Megaprojekts der Neuen Seidenstraße ("Belt and Road Initiative") sein, ein Knotenpunkt zwischen Asien und Europa.

Innerhalb von zehn Jahren verwandelte Cosco den maroden Provinzhafen Piräus in den größten Umschlagplatz im Mittelmeer.  - © Getty Images
Innerhalb von zehn Jahren verwandelte Cosco den maroden Provinzhafen Piräus in den größten Umschlagplatz im Mittelmeer.  - © Getty Images

Eine Billion Dollar will die Volksrepublik in das Programm zum Bau von Straßen, Eisenbahnen, Häfen, Flughäfen und anderen Infrastrukturen investieren. Neben der Schiffsroute soll auch der Landweg zwischen den beiden Kontinenten ausgebaut werden.

Der "Flaschenhals in den Verbindungen nach Asien" soll beendet werden, sagte dazu Chinas Staatschef Xi Jinping. Bei der Vorstellung des Projekts vor sieben Jahren hebt er den friedlichen Austausch zwischen den Völkern hervor. Er plädiert dafür, "Gemeinsamkeiten zu suchen, während die Meinungsverschiedenheiten zurückgestellt werden." Doch auf die Politik der ausgestreckten Hand reagiert Europa einmal mehr mit Zurückhaltung.

Schließlich sind die USA nach wie vor der größte Abnehmer der EU. 18 Prozent der gesamten Exporte, welche 2019 die EU verließen, gingen laut der Statistikbehörde Eurostat in die USA. Die Handelsbilanz war positiv. 153 Milliarden Euro betrug das Handelsplus im Jahr 2019, eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr, in dem ein Überschuss von 139 Milliarden Euro erzielt werden konnte.

China überholt die USA beim Handelsvolumen mit der EU

Der größte EU-Handelspartner ist seit der Corona-Krise jedoch China - zum ersten Mal in der Geschichte. In den ersten acht Monaten des Jahres Jänner bis August 2020 stiegen die Importe im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 236,9 auf 247,3 Milliarden Euro (plus 4,4 Prozent) in Verbindung mit einem leichten Rückgang der Exporte von 128,8 auf 127,4 Milliarden Euro (minus 1,1 Prozent).

Der Handel mit den USA erlitt im selben Zeitraum hingegen einen deutlichen Rückgang, sowohl bei Importen von 153,8 auf 135,5 Milliarden Euro (minus 11,9 Prozent) als auch bei Exporten von 255,7 auf 228,3 Milliarden Euro (minus 10,7 Prozent). Das Handelsvolumen mit China lag in den ersten acht Monaten daher bei 374,7 Milliarden Euro, mit den USA bei 363,8 Milliarden Euro.

"China hat Covid-19 besser im Griff", sagt Yi Sun. "Das Land hat derzeit ein normales Wirtschaftsleben." Die Zahlen stärken diesen Eindruck. Nach einem starken Einbruch zum Jahresbeginn legte die chinesische Wirtschaft im dritten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bereits wieder um 4,9 Prozent zu. Damit könnte China als einzige große Volkswirtschaft in diesem Jahr ein Wachstum verzeichnen. Experten gehen davon aus, dass Chinas Wirtschaft in den nächsten fünf Jahren um rund fünf Prozent pro Jahr wachsen dürfte.

Aussicht auf BIP-Wachstum und damit höhere Zinssätze als Null: Zwei Dinge, die auf der Welt selten geworden sind, die der Westen derzeit nicht bieten kann. Eine gute Voraussetzung für China, um Investoren aus der ganzen Welt anzulocken.

Obergrenze für ausländische Investoren aufgehoben

Ohne das Wohlwollen der chinesischen Regierung kann kein ausländisches Unternehmen in der Volksrepublik Fuß fassen. Zuletzt wurden Beschränkungen aber gelockert. Ende 2019 hob die Regierung die Obergrenzen für ausländische Eigentümer von Vermögensverwaltern, Wertpapierfirmen und Lebensversicherern auf. Zudem sollen chinesische Unternehmen durch die Ausgabe von Anleihen und Aktien mehr Finanzmittel aufnehmen, um die Abhängigkeit von Bankkrediten zu verringern. "Zusammenarbeit ist wichtig", sagt Yi Sun. "Es geht nicht mehr ohne den Anderen."

Doch davon will man in den USA nichts wissen. Der bisherige Präsident Donald Trump wollte sein Land größer machen, ohne China. "Make America Great again" lautete sein Wahlspruch, den er in Großbuchstaben auf Kappen drucken ließ. Es sind Kappen, die er selbst trägt, Kappen, die in China produziert werden.

Dass China bei der Produktion von Kappen für den Präsidenten helfen muss, ist noch das geringste Problem der USA. Während China die Pandemie im Griff hat, zeigt Covid-19 die strukturellen Schwächen der Amerikaner auf. Für die ganze Welt sichtbar teilt das Virus die stolzen, patriotischen Bewohner in arm und reich. Schon jetzt besitzt das reichste Prozent der US-Amerikaner die Hälfte des gesamten Aktienvermögens. Übrig bleibt ein verunsichertes Land, das auseinanderdriftet, das seine gemeinsame Formel für Freiheit, Glaube und Werte verloren hat.

Bei der Größe des Militärs und beim Realeinkommen pro Kopf liegen die USA nach wie vor weit vor China. Doch die Weltmacht ist angeschlagen - der angezettelte Handelskrieg mit China ist ein Beleg dafür. Daran wird Joe Biden so schnell nichts ändern können, in seinem Wahlprogramm fehlt es jedenfalls an Visionen.

"Die US-amerikanische Chinapolitik ist festgefahren im Modus Anti-China", sagt Gerd Kaminski. Der Sinologe leitet seit 1971 die "Österreichisch-Chinesische Gesellschaft", über 80 Mal war er laut eigenen Angaben in China. "Der Anti-Chinamodus ist der falsche Weg. Feindliches Verhalten gegenüber China nützt uns nicht", sagt er.

"Die nationalistischen Kräfte werden gestärkt"

In den vergangenen Jahren verfolgte China eine pluralistische, weltoffene Politik, erklärt Kaminski. Er nennt als Beispiel die Öffnung des Finanzmarkts, das Projekt Seidenstraße, die Kooperation mit westlichen Unternehmen. Doch in China gibt es Kräfte, die diese Politik kritisieren, die nicht pluralistisch, sondern nationalistisch denken. "Wenn China von den USA und Europa dauernd vor den Kopf gestoßen wird, dann könnten diese Kräfte gestärkt werden", sagt Kaminski. "Dann drängen wir China in ein Fahrwasser, wo es sich selbst genügt."

Die ersten Anzeichen dieser Trendwende sind bereits sichtbar. Vergangenen Montag traf sich die Führungselite der Kommunistischen Partei in Peking, um über den neuen Fünf-Jahres-Plan für die Zeit von 2021 bis 2025 zu beraten. Das Ergebnis: Die chinesische Wirtschaft soll sich künftig stärker auf heimischen Konsum, die Produktion und die Verteilung im eigenen Land stützen. Die eigene technologische Innovation soll gestärkt werden und China angesichts amerikanischer Strafmaßnahmen und der Unterbrechung von Lieferketten eigenständiger werden. Im März stimmt der Volkskongress auf seiner Jahrestagung über den neuen Fünf-Jahres-Plan ab.

In den USA ist dieser Tage die Entscheidung gefallen, wer das Land in die Zukunft führt. Joe Biden wird zwar der nächste US-Präsident, die Führung in Peking geht aber davon aus, dass die Spannungen anhalten werden. Chinas Vizeaußenminister Qin Gang sagte zuletzt vor Journalisten: "China wächst schnell, vielleicht über die Erwartungen, die Vorstellungen oder das Ausmaß hinaus, das die entwickelte Welt akzeptiert." In Hinblick auf den Handelskrieg mit den USA ergänzt er: "Wir holen schnell auf. Das macht einige Länder wie die USA nervös."

Europa muss sich nun entscheiden. Will man etwas verhindern, was nicht zu verhindern ist, und den Aufschwung Chinas stoppen? Oder sieht man in China einen Partner, genauso wie in den USA, und profitiert vom Aufschwung der Volksrepublik.